22.04.2011 -152-

„Die Mädels sind in Ordnung!“ Ganz dickes Ausrufezeichen aus dem entzückenden Herminenmund. „Der Lothar hat sie halt verführt, so und anders, tja, und das liebe Geld natürlich.“ Womit wir wieder beim Thema waren. Ich erinnerte mich an Großmuschelbach und wie es aus der Zeit gefallen war. Ein ideales Experimentierfeld für die geldlose Gesellschaft.

„Hm.“ Hermine dachte nach. „Gar nicht so dumm, mein kleiner Detektiv.“ Ich liebte es, wenn sie so mit meinem besten Stück redete. „Obwohl ja jede Menge Kohle im Spiel war, könnte das wirklich sein. Die machen Großmuschelbach zu einer – wie nennt man das? – Sonderwirtschaftszone wie die Chinesen doch auch welche haben, da blüht dann der Kapitalismus und drumherum tragen sie noch ihre Mao-Kappen und schwenken da dieses kleine rote Buch. Und du meinst, das steckt die Regierung dahinter?“

Ich meinte gar nichts, ich traute nur jedem alles Schlechte dieser Welt zu. „Aber die Sisters sind sauber! Die wollen übrigens was Neues aufziehen in Großmuschelbach, Bergwerksdorf mit Museum und Führungen, Grabungswochenenden et cetera. Völlig legal mit EU-Knete und Irmi macht auch mit, die war ja wohl mal Lehrerin.“

Ich schaute ein wenig zweifelnd in Hermines frischgewaschenes Gesicht. Der Duft ihres Duschgels wehte zu mir hin, schlimmer als eine Scheinerschießung ist eine Scheinverführung, wenn uns Frauchen die Waffen zeigt, aber nicht gewillt ist, sie auch einzusetzen. Typischer männlicher Chauvinismus, aber sei’s drum. Ich möchte nicht wissen, wie Frauen über Männer denken, das heißt, ich kanns mir vorstellen.

Hermine dachte nach. „Das würde aber doch bedeuten – vielleicht galt der Anschlag tatsächlich dem Dr. Habicht und nicht unserer armen Sonja. Wenn der das mit dem Experiment nicht mehr wollte oder irgendjemandem im Weg war – keine Ahnung, aber könnte doch sein, oder?“

Könnte sein. Ich würde noch einmal nach Großmuschelbach fahren müssen, um mir die dortigen Honoratioren vorzuknöpfen. Außerdem vermutete ich Sonja dort. Es lag auf der Hand.

„Und du fährst am Montag wirklich in die Bretagne? Aber fang nichts mit den Französinnen an, hörst du?“ Sie machte mir einen hin und her pendelnden Drohfinger. Ich musterte sie mit gespielter Kühlheit, sagte, ein ausgehungerter Mann komme bisweilen auf törichte Gedanken, doch das ließ sie nicht gelten. „Ein wenig Sexdiät hat noch keinem Mann geschadet. Und apropos Hunger: Du gehst jetzt für heut Abend einkaufen, mein Lieber, glaub bloß nicht, es gibt wieder die Nummer mit dem gedeckten Tisch.“

Da Hermine auch Irmi eingeladen hatte, stand die Beschaffung von Eierlikör ganz oben auf der Agenda. Zwei Dutzend Würstchen, „aber nur die Guten aus der Metzgerei, komm mir bloß nicht mit dem Discounterscheiß an“, Kasseler und Sauerkraut, die Zutaten für einen Kartoffelsalat und selbstverständlich jede Menge Sekt. Überall gab es Schlangen, diese Reptilien der Wohlstandsgesellschaft, ältere Frauen mit kampfbereiten Schirmen, die ihren Platz in der Hierarchie der Wartenden zur Not auch auf archaische Weise zu behaupten wussten. Als Mann hast du in einer Metzgerei eh keine Chance, versuch erst gar nicht, auf dein Recht zu pochen.

Schon auf dem Heimweg, fiel mir ein, dass ich den Senf vergessen hatte. Fluchen half auch nichts, ich kehrte um, betrat den Discounter, drängte mich durch die Menge zu dem Regal mit den tausend Senfsorten, wählte „scharf“, „mittelscharf“, „extrascharf“ und „nur für Männer ohne Nerven“, ließ mich von der penetranten Werbung verführen und griff mechanisch nach dem ausgelegten Knabbergebäck – ein Einkaufswägelchen stand davor, sein Drücker schob es mit einem entschuldigenden „Oh“ beiseite, wandte sich dann um, einer Frau zu, die sich im Paradies der 10000 Gewürzgurkensorten nicht entscheiden konnte. Ich erkannte sie. Lydia Gebhardt.

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