20.04.2011 -150-

In dieser Nacht machte ich kein Auge mehr zu, als hätte ich Chandlers berühmten big sleep tatsächlich geschlafen, was ja wenigstens mental auch stimmte. Jonny und Bernie hatten mich freundlicherweise in der Nähe meiner Wohnung abgesetzt, um eine Todeserfahrung und einen mit 5000 Euro gefüllten Briefumschlag reicher, unverhofftes Geld, für das sie seltsamerweise eine Quittung von mir verlangt hatten. Da war ich stutzig geworden. Quittung? Das konnten nur Beamte sein, Beamte des Verfassungsschutzes, des Geheimdienstes, des Finanzamtes, was weiß denn ich.

Wenn sich der Staat einmischt und seine Beamten sich anschicken, dir eine gemütliche Nacht mit einem Pistolen- oder Revolverlauf im Maul zu bescheren (ich ärgerte mich im Nachhinein, Jonny und Bernie nicht nach der Art der Schusswaffe gefragt zu haben), dann muss es sich um eine „Affaire“ handeln, etwas, das dazu angetan ist, die Grundfesten dieses Staates zu erschüttern. Und dann das Geld. Wie würde man es verbuchen? Verbucht werden musste es, kein Zweifel, vielleicht unter „Büromaterial“, Heftklammern, Reißzwecken oder Notizblöcke, vielleicht als „besondere Ausgaben zur Entschädigung von Opfern von Scheinhinrichtungen“? Je länger ich darüber nachdachte, desto eindringlicher hallten mir Bernies Worte im Ohr, der mir zu einer Reise geraten hatte, Urlaub unter Palmen, wobei ich mir ziemlich sicher war, dass St. Malo keine Palmen anbieten würde.

Ich schickte Oxana eine Mail und schilderte ihr kurz die Ereignisse der letzten Nacht, sah auf die Uhr – es war halb sieben – und versuchte es telefonisch bei Hermine, die sich aber nicht meldete. Auch Borsig schien noch zu schlafen. Von ihm wollte ich wissen, ob Regitz endlich wieder zurück war, er sollte ihn anrufen oder Anja befragen. Rasch formulierte ich auch ihm eine Email, sah noch einmal bei Facebook vorbei, wo aber keine neuen Freunde zu begrüßen waren (möglicherweise hatten alle potentiellen Bewerber damit gerechnet, dass ich die Nacht eh nicht überleben würde; Blödsinn) und kochte mir dann Kaffee. Heute begnügte ich mich mit Billigtoast vom Discounter, keine Extravaganzen mehr, ein Tag mit mehrfachem Frühstück, das hatte mich die Erfahrung gelehrt, konnte nur ein hundsmiserabler Tag sein.

Fernseher an. Wie tröstlich, dass wir uns an alle Katastrophen mit der Zeit gewöhnen. Kackt ein Vogel aufs Meilerdach eines AKW, kommen sofort die Grünen und verlangen Abschaltung. Brennen die Brennstäbe durch, ist das nach 2 Wochen unwichtiger als der Nippelalarm im Abendkleid einer Schauspielerin auf dem roten Teppich. Ich nickte bitter, sah aus dem Fenster in die morgendliche Dunkelheit, stellte fest, dass es aufgehört hatte zu schneien, zog mir den Wetterbericht rein, der trockene Zustände bei klirrender Kälte verhieß, draußen krachte es zum erstenmal, eilige Schritte plärrender Kinder, der Toast schmeckte wie die Zeitung, die ich mir schon lange nicht mehr hielt, sein Informationswert tendierte ebenfalls gegen Null.

Eine neue Mail. „Regitz noch immer in der Bretagne, habs aktuell aus sicherer Quelle, keine Zeit, muss jetzt für Anja und mich Frühstück besorgen. Machs gut und mach keinen Scheiß.“ Ich antwortete nicht, nickte wieder bitter. Was wollte Regitz so lange in St. Malo? Warum verbrachte er seine Tage in dieser merkwürdigen Firma, als arbeitete er dort? Vielleicht tat er das wirklich? Ich informierte mich über Zugverbindungen, gleich nach Neujahr würde ich runterfahren. Mit dem ICE nach Paris, von dort aus weiter mit dem TGV nach Rennes, der bretonischen Hauptstadt, mit dem Regionalzug ins schöne St. Malo. Nachher zum Bahnhof, Fahrkarte kaufen.

Hotelzimmer buchen? War wohl nicht nötig, keine Hauptsaison. Francs brauchte man auch keine mehr, eine Reisetasche wäre schnell gepackt. Mail von Oxana: „Ach du Scheiße. Wir treffen uns ja heute Abend bei Hermine, dann mehr. Sonja ist noch immer nicht aufgetaucht.“ Wir treffen uns bei Hermine? Silvesterparty? Schön, dass ich das auch mal erfuhr.

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