17.04.2011 -147-

„Weißt du was komisch ist, Jonny?“ Jonny wusste es nicht und popelte stattdessen mit dem Lauf seiner Knarre in der Vertiefung, die dieser Lauf an meiner Schläfe eingedrückt hatte. „Sags mir, Bernie, wenn’s komisch ist, will ich mitlachen.“

Wir saßen gemütlich im Wagen meiner beiden Gastgeber, Bernie vorne hinterm Steuer, Jonny und ich auf der Rückbank. „Ach“, hatte Jonny gesagt, als er sich meine Visage im Schein der Innenbeleuchtung betrachtete, „das ist doch unser Freund Moritz, der Privatdetektiv. Cleveres Bürschchen, hat mich abgehängt wie ein ganz Großer aus dem Fernsehen. Nehms dir nicht übel, Schwamm drüber.“ Tatsächlich, das war der Kerl, der mich verfolgt hatte, ich schob die Augäpfel nach rechts, dann wieder zurück auf Bernies Hinterkopf, wo mir die Haarwolle eines drahtigen Mittdreißigers entgegenlachte. Apropos lachen. „Na“, sagte Bernie jetzt, „heut is doch der letzte Tag des Jahres. Für uns alle, ne? Aber für unseren Freund hier is das vielleicht auch sonst irgendwie der letzte Tag. Doch saukomisch, was? Hättste auch selbst drauf kommen können.“ Kicherte kurz und übel und ließ den Motor des Wagens an. „Wo fahren wir hin?“

Hätte mich auch brennend interessiert. „Fahr mal aus der Stadt, Richtung Wald. Gepflegtes Gespräch unter Männern.“ Jonny war hier der Chef, schien jedenfalls so. Er roch ein wenig streng nach Bratenfett, Berufskrankheit, nahm ich an. Man sitzt in Autos und beobachtet und wartet, die Tüte mit Fritten und die Frikadelle der einzige orale Trost. „Na, mein Freund, was denkst du gerade?“ fragte Bernie von vorne und drehte mir kurz sein Profil zu, die übliche Hackfresse mit Hakennase. „Moritz denkt nicht“, belehrte ihn Jonny, „Moritz weiß. Zum Beispiel, dass er vor ein paar Minuten zur falschen Zeit am falschen Ort war. Stimmt doch, Moritz, oder?“

Was blieb mir anderes übrig, als kurz zu nicken, wobei Jonnys Pistolenlauf eine kleine Rinne in mein Schläfenfett zeichnete. „Tja, dumm gelaufen“, bedauerte mich Jonny aufrichtig, „und was noch schlimmer ist: Du wirst auch dumm sterben.“ Das hatte ich befürchtet. Bernie fuhr auf der Ringstraße um die Stadt, nahm die Ausfahrt zum Stadtwald, wo sich jungfräulicher Schnee auf eine Portion frisches Blut freuen durfte.

War es nun an der Zeit, Abschied von der Welt zu nehmen? Früher hatte ich mir überlegt, welches mein letztes Wort auf diesem Planeten sein würde, „Scheiße“ schien mir zu gewöhnlich, das sagen wahrscheinlich 80 Prozent, „Kartoffelsuppe“ schon besser, „urgs“ zu erwartbar, aber „Schildkrötensperma“ sicherlich noch nie da gewesen, es garantierte mir vielleicht die Unsterblichkeit. Aber eigentlich dachte ich an etwas anderes, und das war so komisch, dass sogar Jonny darüber gelacht hätte. Daran nämlich, ob mich die Kugel einer Pistole oder eines Revolvers ins Jenseits befördern würde. Ich kannte den Unterschied nicht, wusste aber, dass es einen gab. Ob ich Jonny fragen sollte? Es wäre auch noch nie dagewesen und bestimmt ein witziges Stück Konversation bis zur Hinrichtung.

Ich habe Waldwege schon immer gehasst, ohne zu wissen warum, jetzt, als wir in einen bogen, wusste ich es. Sie sind deprimierend. Bernie ließ das Auto durch das frostharte Gelände rumpeln, der Pistolen- oder Revolverlauf – irgendwie hatte ich das Interesse am Unterschied gerade verloren – fuhr an meiner Schläfe auf und ab, „fahr nicht wieder so wie Sau, Bernie“, sagte Jonny und dann: „Stopp. Hier is doch gut, oder?“

Erwartete er eine Antwort von mir? Ich gab keine. Der Motor erstarb, haha, auch witzig, aber er würde wieder anspringen, was nicht von allen Beteiligten behauptet werden konnte. Also sterben. Auch mal ganz interessant, hat man ja nicht so oft im Leben. Engel? Teufel? Himmel oder Fegefeuer oder gar nichts? Irgendein Umtauschrecht, bei Nichtgefallen Leben zurück? Wirklich witzig. „So“, sagte Jonny und ich hörte ihn tief durchatmen. „Dann bringen wir die Sache mal hinter uns. Spät genug, wollen doch alle schlafen gehen. Oder Moritz?“

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