16.04.2011 -146-

Bildete ich mir das nur ein? Eine Lichtgestalt – nein, nicht der entpromovierte Freiherr – war kurz über die Decke gehuscht und über die Wand ins Wiederdunkel abgestürzt. Wahrscheinlich hatte irgendjemand im Haus gegenüber, dort wo Sonja Weber wohnte oder gerade nicht wohnte, Licht gemacht, dessen Schein durch das Fenster in die Wirtsstube gefallen war. Aber das Haus gegenüber war dunkel. Lieber Gott, flehte ich, schenk mir einmal eine halbwegs normale Nacht mit mäßig erotischen Träumen, ok, dann eben traumlos, aber nicht schon wieder diese starkgebärdige Realkolportage. Hält ja kein Mensch aus. Gott, der alte Krimiheftchenleser, lachte nur und donnerte „Nö“.

Ich bin ein Anhänger der These, man solle Dinge, die man partout nicht erledigen will, doch erledigen, weil die Dinge, die dann eintreten, wenn man etwas nicht erledigt, noch schlimmer sind. Also suchte ich den Hinterausgang der „Bauernschenke“, fand ihn – was lag näher – auf dem Hinterhof und legte mich in den Hinterhalt, von einer stinkigen Mülltonne verdeckt, aus der mir die Düfte angebissener Wienerwürste, ausgespieener Leberknödel und übriggebliebenen Sauerkrauts entgegenwehten und auf recht unangenehme Weise die Zeit vertrieben. Zuvor hatte ich mich vergewissert, dass die Wirtszwillinge unter dem Namen „H & M German“ das Stockwerk über ihrer Kneipe bewohnten, dass die Hintertür zum Haus verschlossen war und meine Anwesenheit daher wohl überflüssig. Denn welcher Einbrecher schließt schon die Tür hinter sich zu? Ein besonders dämlicher oder ein besonders gewitzter? Ich gab mir fünf Minuten, das herauszufinden, schon gefroren meine Füße, schädigte die Bückhaltung meine Rückenmuskulatur, meldete sich die Blase und wollte eine gelbe Skulptur in den Schnee stellen. Scheiß These, dachte ich. Was kann es schon Schlimmeres geben als in Arscheskälte hinter einem miefigen Mülleimer in einem tristen Hinterhof vor einer verschlossenen Hintertür drauf zu warten, dass sich etwas tut?

Ich sollte es erfahren, als mich ein Geräusch aus meinen Überlegungen riss, ein Geräusch, das von der Tür kam und wie das Umdrehen eines Schlüssels klang. Genau. Das war noch schlimmer als das, was ich gerade tat. Jetzt musste ich mich auf einen Einbrecher stürzen (keine Lust) oder so tun, als sei ich gar nicht da (was die Frage aufwarf, wozu ich überhaupt da war) oder versuchen, dem Einbrecher zu folgen (haha, durch menschenleere Straßen und nenne mir mal jemand einen vernünftigen Grund!). Ich sah einen Schatten in der Tür, er bewegte sich. Meine Gedanken hingegen waren sehr unbeweglich. Der Schatten war ein Mensch, er kam langsam näher, würde an mir vorbeigehen, mich hoffentlich nicht bemerken (gute Gelegenheit, mich auf ihn zu stürzen?), er trug etwas unter dem rechten Arm, konnte ein Buch sein.

Was also tun? Ich bin ein Anhänger der These, dass Nichtstun nichts Ehrenrühriges ist, immerhin wusste ich nun, dass bei den Wirtsschwestern eingebrochen worden war, was als Information genauso unverächtlich sein durfte wie die, der neue FDP-Vorsitzende mache jetzt alles erst einmal anders und dann besser und dann mal gucken, was dabei herauskommt. Der Mann lief langsam an mir vorbei, war noch drei Meter von mir entfernt und blieb plötzlich stehen, schaute in meine Richtung. Sagte auf einmal: „Is was, Jonny?“ und der so gefragte Jonny antwortete, in meinem Rücken stehend: „Nö, Bernie, ich guck nur, was der Penner hier vorhat.“

Der Penner war ich. Wie war das noch mal mit der These? Wenn du etwas Schlimmes machen sollst, dann mach es, weil blabla sonst noch Schlimmeres… Ich ergänzte diese These nun wie folgt: Wenn du etwas Schlimmes tun willst, weil du glaubst, es komme etwas Schlimmeres, wenn du es nicht tust, dann beachte bitte, dass dann, wenn du etwas Schlimmes tust, etwas noch viel Schlimmeres auf die warten kann. Zum Beispiel ein gewisser Jonny, der dir eine Knarre an die Schläfe hält und ein gewisser Bernie, der „Na, dann steh mal auf, Penner“ sagt.

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