12.04.2011 -142-

In der Fußgängerzone saß ein junger Mann auf den kalten Steinplatten, zupfte ungelenk Gitarrensaiten und knödelte Dylansongs, war also eine perfekte Kopie des Meisters selbst. Ich veranstaltete Zielwerfen – zwei Fünfziger in einen Plastikbecher – und traf. Der Junge blickte kurz hoch und verspielte sich prompt. Welchen Obolus hätte ich entrichtet, wenn wir alles tauschen würden und das Wort „Geldbeutel“ längst aus dem Vokabular verschwunden wäre so wie „Oheim“ oder „Gesichtserker“? Ein paar Bonbons, einen Schraubenzieher, drei Hemdknöpfe.

Andererseits: Wie konnten so viele Menschen so blöd sein und das Geld abschaffen wollen, gab es nicht eine Menge guter Gründe dafür? Wieder andererseits: Finden sich nicht für jede Blödheit „Fans“? Die eine Hälfte der Menschheit glaubt daran, dass der 11. September das Werk des Weltjudentums unter Rabbi Bin Laden war. Die andere Hälfte weist das entrüstet zurück und zeigt mit spitzem Anklagefinger auf den Kleingartenverein Kleckshausen e.V., in den man nur reinkommt, wenn man den Pilotenschein hat. Die Welt ist verrückt, um nicht zu sagen crazy.

Gegen Mittag hatte sich eine Kathedrale dunkelgrauer Wolken über der Stadt aufgebaut, sehr imposant und dennoch leichte Beute für den Wind, der jetzt, nachdem alles weggeblasen war, noch einen Eimer Sonne gegen die Wände goss. Und es war diese Sonne, die mich feststellen ließ: Ich werde verfolgt. Vor den Auslagen eines Herrenausstatters war ich stehen geblieben, im Schaufenster meine eigene jämmerliche Gestalt und dahinter schemenhaft das vorbeihastende Meinesgleichen. Bis auf einen, der etwa fünf Meter von mir entfernt stand und so tat, als warte er auf jemanden, mehrmals und viel zu demonstrativ seine Uhr um die genaue Zeit bat, noch viel demonstrativer tat, als beachte er mich nicht, sich suchend umschaute, von einem Bein auf das andere trat. Schlechter Schauspieler. Er mochte etwas jünger sein als ich, so genau war das nicht zu erkennen. Ich ging langsam weiter, nein, ich schlenderte, ich simulierte die Schaufensterkrankheit, informierte mich über die neuesten Errungenschaften der Waffentechnik bei „Jagdbedarf Schröder“, eine in Deutschland handgefertigte Hirschbüchse mit Zielfernrohr war im Sonderangebot, na ja, es war wohl Schonzeit und die Geschäfte gingen schlecht.

Wieder war der Mann auf gleicher Höhe stehen geblieben, wir hatten die Fußgängerzone hinter uns gelassen, er posierte vor dem Schaufenster eines Ladens für Keramik, fair gehandelte Sammeltassen und seltenes Porzellan aus drei Jahrhunderten. Mein Gott, dachte ich, jetzt ist es passiert.

Ich gebe zu, dass meine literarische Bildung sehr zu wünschen übrig lässt, meine Bildung überhaupt. Aber an die Geschichte von Edgar Poe erinnere ich mich genau, „The Man of the Crowd“, wo der Protagonist sich jemanden ausguckt, dem er folgen will, einen x-beliebigen Durchschnittsmenschen, und je länger er ihm folgt und über ihn sinniert, desto klarer wird ihm, dass dieser Mensch ein Geheimnis hat, ein vielleicht schreckliches Geheimnis, so wie wir alle unsere Geheimnisse haben, unsere ganz alltäglichen und deshalb so schrecklichen. Mir hat diese Geschichte immer gut gefallen, sie lässt sich wie beinahe alles von Poe höchst simpel oder höchste komplex interpretieren, und ein Geheimnis hatte ich sehr wohl, ein schreckliches obendrein, doch dass dieser Typ da Edgar Poe sein sollte, glaubte ich nicht, aber wer war er dann?

Eigentlich hatte ich vorgehabt, Irmi einen Besuch abzustatten, ich befand mich auch schon in der Nähe ihres kleinen Häuschens. Zuvor musste ich jedoch meinen Verfolger abschütteln oder, noch besser, den Spieß umdrehen und zu seinem Verfolger werden. Wie ich das anstellen sollte, war mir im Moment nicht bekannt. Ich beschloss, ihm wie Poe die entsetzlichsten Viertel der Stadt zu zeigen, was nicht schwer war. Ich musste einfach nur beliebig durch die Straßen flanieren.

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