11.04.2011 -141-

Hermine und ich erwiesen uns als ein in jeder Hinsicht eingespieltes Team. Als die Kiddies endlich noch schlaftrunken in die Küche wankten und die dort ausgelegte Frühstückspracht als den Rest eines schönen Traumes begafften, saßen wir beiden Sünder schon wieder brav und vollständig bekleidet vor unseren Kaffeetassen. „Hi“ grüßte Laura wortwählerich, Jonas nickte nur, bevor er sich die Nussecke sicherte.

Wir ließen die Kinder in Ruhe essen, warfen uns, natürlich äußerst vorsichtig, verliebte Blicke zu, bis Jonas „so“ sagte und Laura „yep“. Ich wiederholte im Stenogramm die Ereignisse des vergangenen Tages, wartete auf „cool“, „geil“ oder wenigstens „oh leck!“, doch die Aussicht au eine Bedrohung der globalen Verhältnisse und eine adäquate Weltrettung durch die Detektiv Moritz Klein und Konsorten hatte die Junioren für einen Moment sprachlos werden lassen. „Die bösen Leute wollen der Mama den Arbeitsplatz klauen!“ klagte Hermine einen Grad zu infantil und Jonas überlegte. „Na, dann wirst halt die rechte Hand des Diktators oder was, ne?“ scherzte er, um sogleich mit seinem Bericht über eigene Nachforschungen und Erfolge zu beginnen.

„Also die Katharina is schon so eine.“ Laura nickte es spitzbübisch grinsend ab. „Die geht zwar selten zocken, aber sonst – wow! Ich glaub, die is Nymphomanin oder wie das heißt.“ Dass er dabei quasi zur Worterklärung und Illustration seine Mutter anguckte, ließ diese erröten, was ihr sehr gut stand. „Ich glaub, die hat nen Vaterkomplex, weil sie is ständig mit so älteren Typen zugange.“ Dabei sah er mich an und ich fragte mich, was diese Burschen heutzutage in der Schule alles lernen, von wegen Vaterkomplex.

„Ok, dann mach ich mich an die Kleine ran“, versuchte ich nun meinerseits einen Scherz, der aber sofort in die Hose ging. „Ja, mach das mal“, zischte Hermine, „die wartet grade auf einen, der Orgasmus für so nen Zahnlosenbrei hält.“ „Hihi“, lachte Laura, „oho!“ kommentierte Jonas, „war ja nur ein Scherz“, resignierte ich zerknirscht, „will ich dir auch geraten haben“, beendete Hermine die Diskussion.

„Aber eigentlich“, bemerkte nun Jonas, „find ich das mit dem Tauschen gar nicht so schlecht, ne? Also ich mein mal so: Ich bring der Alten in der Spielothek doch auch lieber unsere Mikrowelle vorbei als immer so zwanzig Europieces, ne?“ Einem kräftigen Schlag seiner Mutter entging der freche Knabe nur um Haaresbreite. „War doch nur ein Beispiel, Ma, cool mal wieder ab.“ „Nun, Jonas“, gab ich den Pädagogen, „das ist wohl zunächst einmal nicht das Problem. Aber um die Tauschwirtschaft einzuführen, muss man als erstes die Geldwirtschaft ausschalten. Du verstehst? Die Börsen kollabieren, Banken gehen pleite, die Märkte brechen zusammen oder spielen verrückt, kleine Sparer verlieren ihr Geld, große Vermögen lösen sich in Luft auf, Menschen arbeiten ohne zu wissen, wie sie entlohnt werden sollen – ok, das ist fast wie heute schon, aber nur noch schlimmer.“

Das gab ihm zu denken. „Aber, ich mein ja nur, also jetzt mal nur so: Ihr habt keinen Schimmer, ob die das wirklich planen, ne? Und wenn, dann weiß der Geheimdienst oder wer auch schon davon, oder? Wieso machen die nix?“ Darauf konnte ich ihm nichts erwidern. Geheimdienst? Wie ich die Brüder einschätzte, werteten sie noch immer die Position der russischen Atom-U-Boote während der Kubakrise aus. Aber Jonas hatte nicht ganz unrecht. Wir spekulierten bloß.

Die beiden Jungen verabschiedeten sich, um „am Ball zu bleiben“, und dieser Ball würde natürlich in der Spielhalle rollen, was mich auf der Stelle 20 Euro kostete, die ich zähneknirschend als „Betriebsausgaben“ verbuchte. Hermine räumte den Frühstückstisch ab und sagte im Vorbeigehen, heute Abend werde sie den Wirtszwillingen auf die Zähne fühlen. Was ich täte? Ich wusste es noch nicht. Mir schwirrte der Kopf und immer deutlicher trat dabei eine Person in den Vordergrund: Sonja Weber. Die mysteriöse, zwischen naiv und durchtrieben wechselnde Sonja Weber.

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