09.04.2011 -139-

Ich versuchte, mir diese antimonetaristische Union als einen Feind vorzustellen, allein: Es gelang nicht. Rettungsschirme fielen mir ein, unter denen Banken und bankrotte Staaten dichtgedrängt dem Schuldenschauer trotzten, das gute alte Kapital saß völlend am reichgedeckten Tisch und verschlang die Arbeit, „heute im Sonderangebot, all you can eat, also haut rein!“

Oxana hingegen blieb auf dem Boden der Tatsachen. Utopien, so meinte sie, seien deshalb Utopien, weil sie in der Wirklichkeit gescheitert seien. Und ich solle doch gefälligst nicht vergessen, dass bei dieser ganzen Aktion bisher auch Menschen sterben mussten und hinter allem wohl doch nur der schnöde Profit stecke oder der übliche Größenwahn von Menschen, die schon als Kleinkinder als Berufswunsch „Weltherrscher“, „Diktator“ oder „irgend so etwas wie Gott, nur größer“ gekräht haben. Hm ja, das stimmte. Aus Oxana sprach die russische Erfahrung.

Wir setzten uns – oh, wie dicht! – vor den Laptop und googelten die AMU, fanden sogar eine deutsche Website, in deren Impressum sich ein „Freundeskreis einer humanen Weltwirtschaft“ als verantwortlich bezeichnete. Die Leutchen saßen in Hamburg, es gab eine Emailadresse, die ich mir für alle Fälle notierte. Inhaltlich gab es einen Überblick, die geldfreie Wirtschaft betreffend, dass sie noch immer an gewissen entlegenen und von der Zivilisation bislang verschonten Orten existiere und das mit Erfolg. Und auch hierzulande setze sie sich immer mehr durch. Zwar zunächst im überschaubaren Rahmen alternativer Kreise, das letzte Finanzdebakel habe jedoch bestätigt, dass die Sehnsucht der Menschheit ganz eindeutig in Richtung…. und so weiter und so fort, wenig Konkretes wurde mitgeteilt und schon gar nicht, wie sie denn in praxi aussehen könnte, die Gesellschaft ohne Herrn Ackermann und die Börsenhaie.

„Also“ resümierte Oxana, „ganz langsam ergibt sich ein Bild. Entweder sind diese ominösen handschriftlichen Aufzeichnungen Teil eines Plans, die geldlose Ökonomie einzuführen oder aber – Teil eines Plans, die Geldwirtschaft zum Kollabieren zu bringen. Lydia Gebhardt und Co. fungieren wohl nur als gut bezahlte Verteiler, Konsul Bruggink könnte der deutsche Kopf des Ganzen sein. Nur wie die Geschwister Weber zu diesem Spiel gehören, ist mir noch nicht ganz klar.“

Bruggink war das Stichwort. „Wie siehts eigentlich mit unserem Chauffeur Borsig aus? Meinst du, das klappt?“ Oxana lächelte wie die wiedergeborene Sphinx. „Mach dir keine Sorgen, klappt schon. Es gibt hier einige Herrschaften, die mir verpflichtet sind. Und zwar mit größtem Vergnügen.“ Ich wagte nicht danach zu fragen, um welches größte Vergnügen es sich dabei handelte, meine Phantasie war sowieso schon dabei, die Antwort auf diese Frage mit den entsprechenden heißen Bildern zu versehen.

„Weißt du“, erklärte Oxana mehr oder weniger kryptisch, „das Leben besteht aus gewissen motorischen Situationen, die so selbstverständlich sind, dass wir uns überhaupt keine Gedanken mehr darüber machen. Etwas mit der Hand greifen, laufen, essen, aufs Klo gehen. Sex ist was anderes, aber nur, wenn man ihn mit Erregung verbindet. Sex ohne Erregung, Sex als rein motorischer Akt – das ist wie Händewaschen, oder?“ Ich brachte mein obligatorisches „Hm“ an, ich hatte verstanden wie Guido Westerwelle nach der letzten Wahlschlappe. Mit Oxana Händewaschen? Nun, das nicht unbedingt. Mit Oxana etwas veranstalten, das für sie wie Händewaschen war, für mich aber eher wie die Hand auf die heiße Herdplatte legen? Ich schwankte. So etwas wie Anstand und Moral – nennen wir es lieber Spießigkeit – meldete sich. Aber jegliche Überlegung war eh für die Katz. Oxana stand auf, drückte mir ein Küsschen auf die Stirn und sagte: „Ich geh dann mal wieder. Ruf die anderen an, ob die was rausgekriegt haben, halte mich auf dem Laufenden.“ Und schon war sie selbst auf dem Laufenden und stiefelte aus meiner Wohnung und dem schmuddeligen Hinterstübchen meiner Reflexionen.

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