08.04.2011 -138-

Zu meiner gelinden Enttäuschung erschien Oxana wie eine x-beliebige Studentin gekleidet, bei der Papi zum Monatsscheck noch einen 20-Euro-Gutschein für C&A spendiert hat. Jeans und Shirt und Anorak und Gummistiefel. Jedermann wird verstehen, dass ich mir die modischen Geschmacklosigkeiten sofort wegdachte. Nicht nur meine Stimmung hob sich.

„Na, du isst aber wenig? Machst ne Diät?“ Ich biss zum Beweis des Gegenteils in das Puddingstückchen und zog gleichzeitig den Bauch ein. „Themawechsel“, schlug ich vor. „Okay“ sagte Oxana und schenkte sich Kaffee nach. „Marxer bohrt bei Sonja noch immer. Aber zur Zeit schreibt er nicht, was ein gutes Zeichen ist. Hätte er auch nur den Ansatz einer wirklichen Information, müsste sie sofort aufs Papier, denn seinem Kopf traut er speichertechnisch nicht viel zu. Nur eins ist merkwürdig.“

Sie zögerte einen Moment und sah zwischen dem Mohnbrötchen und der Nussecke hin und her, entschied sich dann für letztere. „Ja?“ machte ich und schluckte den Rest des Puddingstückchens. „Ja, eins ist total merkwürdig. Ich hab mal ganz diskret nachgeschaut, was mein Herr und Meister so googelt. Kennst du AMU? Die antimonetaristische Union?“ Es hätte mich gewundert, sie zu kennen. “Dacht ich mir, kannte die nämlich auch nicht. Die AMU wurde nach dem 2. Weltkrieg mit dem Ziel gegründet, die Geldwirtschaft durch Tauschwirtschaft zu ersetzen. Denn Geld sei, so sagen es die Proklamationen der AMU, die Wurzel allen Übels und für sämtliche Kriege verantwortlich sowieso natürlich für alle Ungerechtigkeiten, Ausbeutungen und Hungersnöte.“

Ich nickte. War doch was dran. Klang zwar schwer nach Steinzeitkommunismus, aber da wir geradewegs in den Steinzeitkapitalismus steuern, wollte ich die Sache nicht zu eng sehen.

„Je nun“, fuhr Oxana fort, „diese AMU wurde immer nur als ein Kaffeekränzchen naiver Spinner und Weltverbesserer belächelt. Nicht mal die CIA hatte die auf dem Schirm, wo die doch sonst schon eine Akte anlegen, wenn ein betrunkener Schauspieler in Hollywood ‚fuck you, Obama’ denkt. Aber dann – du ahnst es – kam die große Finanzkrise. Und viele Leute sagten sich: Hoppla, scheint ja was dran zu sein an der Tauschwirtschaft. Seitdem jedenfalls hat die AMU Oberwasser. Immer mehr Mitglieder, Artikel in seriösen Zeitungen, sogar Internetwerbung. Und wo befindet sich die Zentrale von dem Laden? In Neu-Delhi, Indien. Aber das Beste kommt noch.“

Das Beste kommt immer zum Schluss und manchmal ist etwas endlos und das Beste kommt gar nicht. Geschenkt. Ich machte erwartungsvoll „Ah!“ und Oxana lächelte mir ein hinreißendes „Joar“ zurück. „Der Präsident dieser Union ist ein Inder mit englischem Papi. Und heißt? Singhala Easterman.“

Ostermann also. Ich ließ die Information sacken und dachte an Sonja Weber. Von ihr allein konnte Marxer den Hinweis auf die AMU erhalten haben, was bedeutete, dass sie eine Menge über die Osterhasengeschichte wissen musste. Oxana erriet meine Gedanken. „Woher Sonja das wohl alles weiß?“

Das nun wussten wir beide nicht. Nur, dass hier ein Komplott geschmiedet wurde, der Siegeszug der Tauschwirtschaft, der Niedergang des Geldes, die Welt auf den Kopf gestellt. Kurzum: eine globale Intrige mit irgendwelchen Formeln, die über ein hochgeheimes Verteilernetz liefen und  – ja was und? Das wussten wir auch nicht. Noch nicht.

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