07.04.2011 -137-

Die Aktion „Deeskalierende Maßnahmen zur Verhinderung von unnötigem Blutvergießen“ klappte wie am Schnürchen. Ich verließ Honigs Wohnung, das Haus, hatte dem noch immer ans Bett Gefesselten eingeschärft, dass, so er mich angelogen hätte, beim nächsten Mal ein schickes Heftpflaster auch seine Nase am Atmen hindern würde, stand nun auf der Straße, rauchte eine Beruhigungszigarette und schlich heimwärts.

Honigs Informationen heischten nach Verarbeitung. Es ging also um Formeln, um geistiges Eigentum von wem auch immer, die Sache war heikel, gefährlich, hochkriminell, es gab Konkurrenz, die auch vor Mord nicht zurückschreckte, nur: Was hatten Lothar und die Weber-Geschwister damit zu schaffen? Ich dachte wieder an Sonja Weber, die sich in den schleimigen Fängen von Marxer befand. Ich dachte an Oxana, die sich leider nicht in meinen schleimigen Fängen befand. Ich dachte an Hermine, die ich vielleicht noch anrufen sollte, ich dachte an – eine Currywurst, weil ich Hunger hatte, ein schönes Bierchen, weil mich dürstete, ein weiches Bett, weil ich müde war.

Von all dem, was meine Gedanken beschäftigt hatte, schaffte es am Ende nur das weiche Bett in die Wirklichkeit, das heißt, weich ist auch etwas anderes, aber immerhin. Kein Anruf bei Hermine, keine Currywurst, kein Bier, nur, kurz bevor ich wegkippte in das Reich der Traumlosigkeit, ein knappes chaotisches Filmchen, in dem Georg Weber deshalb aus dem Weg geräumt wird, weil er den kriminellen Machenschaften seiner Firmenkollegen auf die Schliche gekommen ist, in dem Sonja Weber, von ihrem Bruder über Osterhase und Co. informiert, als nächstes potentielles Opfer auserkoren wird – und Lothar? Der weiß alles von Sonja und will seinen Reibach machen und kommt bösen Menschen in die Quere und… aus, vorbei, eingepennt.

Aus, vorbei, aufgewacht. Ich kochte eine schnelle Tasse Kaffee, trank sie noch schneller, sprang in meine Klamotten und eilte – hier bahnte sich einer kostspieliger Spleen an – zur Bäckerei, um mich mit einem fürstlichen Frühstück einzudecken, das ich mit niemandem, Borsig schon gar nicht, zu teilen gedachte. Auf dem Weg zurück hörte ich die ersten Detonationen von Feuerwerkskörpern, was mich daran erinnerte, dass morgen Silvester war und die üblichen Idioten wieder einmal nicht warten konnten, ihre Umwelt mit Lärm zu entzücken.

Ich genoss mein reichhaltiges Frühstück, erfuhr nebenbei aus dem Radio, Radioaktivität sei neuerdings gar nicht gut für die Gesundheit und eine Enthaltung sei eigentlich ein Ja, das heißt ein Nein, jedenfalls: Es verwirrte mich arg. Bei Facebook scharten sich inzwischen an die 200 Freunde um mich, eine „Donna Love“ behauptete, sie kenne mich von früher und ich sei ihr noch 500 Euro für besondere Dienste schuldig.  Ich war gerade dabei, die geschäftstüchtige Dame aus meinem Freundeskreis zu klicken (das ist der große Vorteil einer virtuellen Freundschaft), als plötzlich das Chatfenster aufpoppte (sorry, heißt halt so in unseren digitalen Zeiten) und Oxana mit einem „Hallo, auch schon wach?“ gesprächsmäßig vor mir auftauchte. Ich bestätigte dies und verkniff mir die Gegenfrage „Hallo, auch gerade bei Facebook am Chatten?“

In wenigen Worten umriss ich die Abenteuer der letzten Tage, erntete meine verdienten „Oh!“s und fühlte mich für einen Moment tatsächlich wie einer, den Ian Fleming oder John Le Carré erschaffen hatten. „Spionage?“ fragte Oxana, „kann doch sein“, schrieb ich zurück, „hm, hm“, kam es zweifelnd von der Kasachin. „Könnte alles Mögliche sein. Bei mir gibt’s auch was Neues. Ich bin in einer Stunde in der Stadt unterwegs – hast du schon gefrühstückt?“ „Nein“, log ich mit leichter Hand, „gut“, sagte Oxana. „Dann bring ich uns was Leckeres mit und erzähl dir dann die neuen Schwänke von hier, also von Marxer und Sonja. Bye bis dahin.“

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