06.04.2011 -136-

Ganz unter uns: Das Leben kann manchmal scheißkompliziert sein. Dies mag all jene überraschen, die Politikern vertrauen oder sich mit Vorliebe an rosamundepilchernder Gemütsnahrung überfressen. Ist aber einfach so. Eben noch schien alles überschaubar – dort Honig, der Geknechtete, hier ich, der Entscheider und Leistungsträger – und plötzlich trampelt Mister X auf die Bühne und schon kommt es zur „Umwertung aller Werte“ (Friedrich Nietzsche).

Dass da „draußen vor der Tür“ (Wolfgang Borchert) ein Mister X stand und keine Mrs. X, wurde rasch Gewissheit. Ein lauernd textender männlicher Bariton fragte nämlich: „Alles ok bei dir, Honey?“ und Honig, der wenigstens die englische Übersetzung seines Namens zu kennen schien, gurgelte hocherfreut ein „Nö!“ zurück. Danach war erst einmal Stille, drei Gehirne überlegten angestrengt. Bis der Bariton sich den nächsten Schritt zurechtgelegt hatte und ankündigte: „Dann komm ich mal rein, ne?“, es aber so voller Selbstzweifel vortrug, dass klar war, dieser Ankündigung würden vorerst keine Taten folgen.

Honig sah das anderes und trällerte ein sehr melodisches „Au ja!“. Ich wies grimmig auf die schwere Nachttischlampe, sodann auf Honigs Kopf, vollführte eine Handbewegung, die den Zusammenstoß der Lampe mit diesem Kopf und seiner allzu weichen Hirnschale simulierte und verbalisierte: „Wenn du Spacken hier reinkommst, bring gleich nen Putzlappen für Honeys ausgelaufenen Dummschädel mit.“ Die Drohung wirkte, Mister X nahm vorerst Abstand von seinem Vorhaben, das Schlafzimmer zu okkupieren, das heißt, er war schlauer als die Franzosen, die unbedingt mal hatte nachschauen wollen, was in Libyens vier Wänden gerade so abging.

Der da draußen ließ ein philosophisch eingefärbtes „Hm“ vernehmen und erarbeitete eine neue Taktik. „Wollen wir verhandeln?“ Achtung, Moritz. Das klang verflixt nach „rundem Tisch“ und „Moratorium“, nach „ergebnisoffener Diskussion“ und „Heiner Geißler als Schlichter“, es musste also einen Haken an der Sache geben. Andererseits: Wenn vor der Tür jener Typ stand, der mich gestern auf die Bretter, sprich den Asphalt geschickt hatte, war Vorsicht geboten.

Es ging um freien Abzug. Das war keine Kapitulation, es war ein Gebot der Vernunft, ein Sieg des Pragmatismus, nur – wie bewerkstelligen? Mister X musste aus dem Weg, aus der Wohnung, aus dem Haus, er würde es nicht tun, so lange nicht gewährleistet war, dass der gefesselte Honig unbeschädigt aus der Geschichte herauskäme. Mein Vorteil war, dass Mister X nicht wusste, über welches Waffen- und damit Abschreckungsarsenal ich verfügte. Mein Nachteil war, dass ich das von Mister X genauso wenig wusste. Im Augenblick befanden wir uns also dort, wo sich die Welt über Jahrzehnte hinweg befunden hatte, mitten im kalten Krieg. Ein „NATO-Doppelbeschluss“ war weit und breit nicht zu erkennen, kein Gorbatschow tauchte auf und erzählte etwas von Glasnost und Perestroika.

Ich sah mich in Honigs Schlafzimmer um und entdeckte sogleich, was ich entdecken wollte: Honigs Handy. Nahm es an mich, tastete ein wenig darauf herum, es funktionierte einwandfrei. „Hören Sie da draußen“, sagte ich dann, „Sie gehen jetzt runter in die Hausmeisterwohnung, ja? Und wecken den Hausmeister. Geben ihm Ihr Handy, lassen ihn das Handy von Honey anrufen. Okay?“ Nach kurzem Zögern kam das Okay von jenseits der Tür zurück. „Der Hausmeister wird mir, während ich mich aus der Wohnung entferne, ständig berichten, was SIE gerade machen. Und ich rate Ihnen, unten zu bleiben, sich nicht im Treppenhaus blicken zu lassen. Falls Sie zuwiderhandeln, springe ich sofort wieder hoch und puste Honey dermaßen das Licht aus, dass nie mehr ein Bienchen an ihm naschen wird. Haben Sie das verstanden?“

Na ja, es klang nicht kompliziert, aber das Leben ist halt kompliziert, weil einige der menschlichen Gemüter so schlicht sind. Mister X hatte aber endlich kapiert, sagte „Gut, aber kein Scheiß, du Arsch“ und entfernte sich hörbar aus der Wohnung.

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