04.04.2011 -134-

Da lag er nun: Herr Honig im kleinkarierten Schlafanzug, alle Viere von sich gestreckt, jedes Glied mit einem Insignium verruchter Weiblichkeit an einen Bettpfosten gebunden. Den linken Arm fixierte ein blassrosa String, den rechten ein sattrosa BH mit Brüsseler Spitze, das linke Bein ordnungsgemäß ein vollelastischer Strumpfhalter und das rechte schließlich der zum Strick verdrehte Unterrock, ein hauchdünnes Nichts von Etwas, das mich am Körper einer schönen Frau sofort auf 180 gebracht hätte, am Körper Honigs aber nicht einmal Tempo 30 in der erotischen Fußgängerzone würde erreichen lassen.

Und ich? Ich stand wie ein Folterknecht vor meinem Opfer und hörte zu, wie dieses völlig von Sinnen werdende Wesen dumpfe Töne gegen den mit Leukoplast (Honig hatte eine gutsortierte Hausapotheke) luftdicht verklebten Mund katapultierte. Beschönigen möchte ich nichts. Auch mir zieht sich nur eine hauchdünne, mühsam erlernte zivilisatorisch-kulturelle Membran – noch dünner als der Unterrock – über den brodelnden, wie glühende Lava dampfenden Kern meines wahren Ichs, dieses Animalische, die uns dank kollektiver Vererbung mitgegebene Primitivität unserer Empfindungen, die brüllenden Urinstinkte, die man an den Fingern einer Hand abzählen kann: Egoismus, Sadismus, Schadenfreude, Herrschsucht und blanke Gier nach Brutalität. So ist der Mensch, das macht ihn aus, wenn man ihm das bisschen Aufklärung, das homöopathische Quantum Christentum oder sonst was Religiöses aus dem Gehirn schneidet und mit dem zurücklässt, was ihn ausmacht. Klingt ernüchternd? Ist ernüchternd. Aber wahr. Wer wüsste es nicht selbst.

Um es kurz zu machen: Die Bestie in mir hatte für einen Moment das Zepter in die Hand genommen und weidete sich am Anblick des hilflosen, zu voller Panik erblühten Honig, der an seinen Fesseln zerrte, bis ihm die Aussichtslosigkeit des Unterfangens bewusst wurde sowie die beängstigende Entwicklung des Zustandes seiner einzig verbliebenen Atemkanäle, die sich immer bedrohlicher mit Rotz füllten. Er sank wie ein Häuflein Asche in sich zusammen, er war abgebrannt wie nur je ein nukleares Element, ich feixte innerlich. Bald hatte ich ihn so weit.

„Nun, mein Lieber“, begann ich, auf und ab gehend, die Hände auf dem Rücken verschränkt und eine imaginäre Peitsche haltend, „wir können das hier bis zum bitteren Ende durchziehen oder uns schnell au einen glimpflichen Ausgang einigen. Ich stelle vernünftige Fragen und Sie geben vernünftige Antworten. Wäre das in Ihrem Sinne?“ Honig nickte heftig. Ein Held war er nicht, es wäre auch ziemlich blöd gewesen, einer sein zu wollen.

„Ich kann also“, sagte ich langsam, sehr langsam, sadistisch langsam, „ich kann also“, wiederholte ich noch langsamer, sehr viel langsamer, sadistischst langsamer, „ich kann also“, setzte ich zum Dritten an und bemerkte, wie sich Honigs Panik noch steigerte, „ich kann also“ – na jetzt ist aber gut – „davon ausgehen, dass Sie, sobald ich Ihnen das Heftpflaster vom Maul gezogen habe, nicht anfangen werden zu schreien? Das nämlich wäre fatal, und zwar für Sie.“ Honig nickte noch einmal, noch panischer. Ich trat an ihn heran, bekam ein Ende des Pflasters zu fassen, zog es mit einem kräftigen Ruck ab, Honig bäumte sich auf, schickte ein Heulen gegen die Wände seines Schlafzimmers, schwieg dann aber.

„Nun schön, mein Bester. Ja, machen Sie erst einmal einen Fischmund und genießen Sie die frische Luft Ihres miefigen Schlafzimmers. Mit Lüften haben Sie es wohl nicht so, wie?“ Ich wurde unverhältnismäßig fies, ich musste mich beherrschen, das Tierische in mir zurück unter die Haut des Zivilisierten drängen, mich daran erinnern, dass ich einem Volk der Dichter und Denker angehörte, Goethe, Schopenhauer, na, Nietzsche lassen wir jetzt mal außen vor und Wagner, den alten Antisemiten und Stabreimer auch. Moritz Klein, in dir steckt der Humanismus, in dir steckt die Aufklärung, davon weißt du zwar verzweifelt wenig, aber reiß dich zusammen und tue wenigstens so, als wärst du ein würdiger Spross der guten alten deutschen Tradition. Und dann quetsch diesen Idioten aus wie eine ungespritzte Zitrone.

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