01.04.2011 -131-

Borsig versprach, an Anja „dranzubleiben“, was ich ihm sofort glaubte. Konnte ja sein, dass sich Regitz bei ihr meldete, ich ging sogar davon aus. Sollte dies bis Neujahr nicht geschehen sein, würde ich selbst in die Bretagne fahren, um Regitzens Geschäfte mit dem Herrn Oster unter die Lupe zu nehmen.

Froh darüber, Borsig aus meiner Wohnung komplimentiert zu haben, ohne ihm auch noch ein Abendessen spendieren zu müssen – es war aber eh kein Fetzen Lebensmittel mehr im Haus -, rief ich bei Hermine an, erreichte sie jedoch nicht. Es dämmerte. Ich suchte Pamela’s Imbiss auf, einen um eine mobile Würstchenbraterei gezimmerten Bretterverschlag, kaufte mir Pommes mit Mayo und eine Frikadelle, die wie ein UFO aussah und von genauso unbekannten Wesen bevölkert war, wie ich fürchtete, aber tapfer ignorierte. Ich drängelte mich an den intaktesten der drei Heizpilze, wärmte mich leidlich, aß. Pamela, die eigentlich Patrick heißt, ließ zwei tätowierte Anker auf ihrem / seinem nackten Bizeps spielen, sie schaukelten wie auf stürmisch bewegten Wogen, und trällerte ein Lied, den „Mäckie Messer“ aus der Dreigroschenoper. Nur war der Text nicht von Brecht. „Und das AK-W hat Zähne, doch die trägts nicht im Gesicht. Die hats alle im Reaktor und die sieht man leider nicht.“ Ich applaudierte und erhielt eine Currywurst gratis.

Es war der Anblick von Pamela / Patrick, der mir den zur Frau gewordenen Herrn Honig ins Gedächtnis zurückbrachte. Ich stromerte durch die Straßen, Schnee war vorausgesagt worden, und spürte ansteigende Wut. Zur gleichen Zeit dachte ich an Hermine und spürte etwas anderes, ebenfalls ansteigend. Sagte mir: Das ist ganz normal, Moritz. Der Mensch pendelt zwischen Aggression und Lust, zwei Triebe, die auf natürliche Weise miteinander verbunden sind, zwei kommunizierende Röhren, um es streng wissenschaftlich auszudrücken. Die Lust auf körperliche Gewalt sinkt in dem Maße, wie die Lust auf körperliches Liebkosen wächst und vice versa. Wenn du Honig ein paar in die Fresse haust, wird die dadurch freigesetzte Triebenergie der armen Hermine entzogen (der Stab kommt dabei quasi in ein Abklingbecken, wo er vor sich hinkühlen kann). Das könnte man jetzt in eine mathematische Formel gießen, wenn ich Einstein wäre und furchtbar viel Zeit hätte, denn am Ende und im Grunde ist alles Biophysik.

So sinnierend, hatte ich das Haus erreicht, in dessen Penthouse Herr Honig wohnte. Ohne es wirklich zu wollen, sei betont, meine Schritte hatten mich gelenkt, hier war das Unbewusste zu seinem Recht gekommen, Sigmund Freud lässt grüßen, aber ich grüße mir fremde Bartträger aus Prinzip nicht zurück. Sah stattdessen hoch, wieder waren die Rollläden dicht, klingeln würde ich nicht, denn selbst ein so triebhaftes und von seinem Unbewussten gesteuertes Wesen wie ich lernt dazu und wiederholt einen Fehler nicht. Jedenfalls nicht heute, jedenfalls nicht vor diesem Haus.

Aber vielleicht wäre es ein Fehler, bei Hausmeister Raffke zu klingeln, mir Einlass zu verschaffen, ihn sein Leben reportieren zu lassen, um mich im geeigneten Moment des sicherlich vorhandenen Zweitschlüssels zu Honigs Wohnung zu bemächtigen und… Ja, zweifellos, das wäre ein schwerer Fehler, aber ich beging ihn ja zum erstenmal, keine Wiederholung also. Ich klingelte bei Raffke.

Der Mann war hocherfreut, mich zu sehen. „Ah!“ rief er aus und in sein sonniges Gesichtchen schauend bedauerte ich es, keine Flasche Wein oder Schnaps als Gastgeschenk parat zu haben. Was Raffke aber piepegal war. Er lauschte gerade dem in voller Lautstärke dröhnenden „Forellenquintett“, auf dem Tisch im Wohnzimmer stand eine angebrochene Flasche Moselweißwein (es gibt Schlimmeres, zum Beispiel die verheerende Pestepidemie von Magdeburg im Jahre 1483), daneben ein Glas, dem sofort ein weiteres beigestellt und gefüllt wurde. „Mein Freund Vincent Wiesenhövel hat mir … nein, warten Sie, es war mein Freund Gernot Haber, aber mit Vincent war ich damals…“ Ich seufzte und setzte mich.

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