31.03.2011 -130-

„Arme Anja!“ Borsig produzierte ein Tränchen und schickte es bergab in den Hain der Bartstoppeln, wo es schließlich in einer unreiner Haut geschuldeten roter Pore versickerte. „Nun steht das Mädchen da und muss den ganzen Weg zurücklaufen, sie weint und ist verwirrt, Regitz nicht im Hotel, nicht im Café, nirgendwo. Was macht also das liebe enttäuschte Kind? Es haut sich in die nächstbeste Kneipe und füllt sich ordentlich ab, beginnt einen Flirtversuch mit einem 15jährigen Knaben – irgendwie neigt Anja nämlich zu Extremen, entweder ganz jung oder knochenalt – und schafft es – alleine! – in ihr Hotelzimmer, wo sie sanft einschläft.“

Hübsch gesagt, Borsig. Und weiter? Regitz kommt spät Abends hinzu und knallt sich müde auf die Matratze, riecht Anjas Fahne und knurrt wahrscheinlich. Am Morgen beim Frühstück – Anja geht es elend – verkündet er dem Mädchen, es solle noch heute abreisen. „War ne schlechte Idee, dich mitzunehmen, Baby, das musst du verstehen.“ Anja macht eine Szene, ihre erste wohl, und Regitz gerät in Wut, scheuert ihr eine, bekommt eine zurückgescheuert, was die Fronten klärt. Es ist aus. Anja fährt mit dem Bummelzug von St. Malo nach Rennes, steigt dort in den TGV nach Paris, dessen Sehenswürdigkeiten sie nicht mehr interessieren, nimmt in Paris den ICE nach Deutschland und sitzt jetzt, wieder nüchtern, aber unglücklicherweise als zuvor, in ihrem Zimmerchen und grämt sich.

Traurige Geschichte. Die ich, ganz seelenloser Technokrat, auf ihre Informationshaltigkeit abklopfte, « Jean-Pierre Pacques & Cie. – Marchandises », eine Unbekannte im Internet, kein Webauftritt, kein Eintrag, und schon wollte ich die Googleseite schließen, als mein Blick auf die rechte Spalte fiel, wo man mich mit intelligenter und genau auf meine Suchanfrage zugeschnittener Werbung beglückte – sämtlich Osterartikel. Vier Meter hohe Skulpturen kopulierender Osterhasen aus italienischem Marmor, für 9.999 Euro angeliefert bis zur Bordsteinkante, „Osterrausch – Rammeln wie die Kanickel“, ein neuartiges Potenzmittel auf pflanzlicher Basis, nicht zu vergessen „Ostergrüße, von Literaturnobelpreisträgern handgedichtet, individuell und bei Abnahme von dreien zum Sonderpreis von 12,99“. Hm, merkwürdig.

Gar nicht merkwürdig, wäre mein Französisch besser gewesen. Denn als ich „Pacques“ in die Suchmaschine fütterte, spuckte sie als ersten Eintrag einen Link zum Lexikon Deutsch-Französisch aus und ich lernte, „Pacques“ heiße „Ostern“. Borsig, der mir interessiert über die Schultern sah, pfiff pfiffig und meinte: „Da haben wir beide wieder was gelernt. Und was bedeutet das?“

Woher sollte ich das wissen? Ein französischer Hans-Peter Ostern verkaufte Waren („marchandises“) oder kaufte sie oder beides, vielleicht von Gebhardt und Lonig, die ihm die Plüschosterhasen über allerlei kaufmännische Umwege (imaginäre Adressen von Abnehmern) zukommen ließen, auch ein Honorarkonsul der Osterinseln war in die Sache verwickelt und ein jetzt Toter hatte, als er auf einer Wiese Osterglocken für seine Liebste pflückte, einen Anfall von guter Laune bekommen. Ein anderer, Georg Weber, war verschwunden, seine Schwester Ziel eines Mordanschlags geworden, dem wieder ein anderer, Dr. Habicht, irrtümlich zum Opfer gefallen war, und ein dritter anderer, Herr Honig, verkleidete sich als Mädel und schüttelte potentielle Verfolger – mich – mit roher Gewalt ab. Schweigen wir ganz von Lydia Gebhardt, schweigen wir noch mehr von der nächtlichen Szene, die ich beobachtet hatte und bei der Honigs Nase gebrochen worden war, schweigen wir überhaupt von Regitz, der irgend etwas wusste und mit irgendjemandem verhandelte.

Also schwiegen wir, Borsig und ich. Der gute Mann saß wohlgenährt auf meinem Küchenstuhl und dachte an Anja oder wahlweise seinen Job als Chauffeur bei Bruggink. Ersteres erhitzte sein Gemüt, letzteres kühlte es ab, das ergab, addiert und mit zwei dividiert, lau, und so fühlte ich mich auch. Lau.

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