29.03.2011 -128-

Es brauchte einige Zeit, um aus Borsigs sukzessiven und häufig erst nach mehrmaliger Korrektur wasserdichten Informationen das Gerüst einer einigermaßen vernünftigen Geschichte zu rekonstruieren. Wahrscheinlich steckte schnöde materialistische Taktik dahinter und der Bursche gedachte die Datenabgabe so lange hinauszuzögern, bis sich ein Mittagessen nicht mehr umgehen lassen würde. Aber lieber würde ich Hungers sterben, als in diesen plumpen Leim zu tappen.

Die Geschichte begann wie erwartet damit, dass Borsig mit seiner Anja Richtung Bretagne gegondelt war. Das gute Mädchen hatte keine Ahnung, was Borsig dort wollte, freute sich aber mächtig auf Paris, wo man einen Zwischenstopp einlegte, um im Rekordtempo die Sehenswürdigkeiten abzuklappern. Regitz war, so schien es, ein durchaus kulturell beflissener Mensch, der nicht sterben wollte, ohne den Eiffelturm mit eigenen Augen gesehen, einen Milchkaffee getrunken und die Mona Lisa angestarrt zu haben. Auf einem Parkplatz in den Banlieues war schließlich das Thema „Paris – Welthauptstadt der Liebe“ sehr schnell und unbequem im Auto abgehakt worden, bevor man sich wie die frühen Pioniere der amerikanischen Nation westwärts orientierte, um noch vor Einbruch der Nacht die schöne Stadt an der bretonischen Küste zu erreichen.

St. Malo, erzählte Anja mit tränenerstickter Stimme, habe sie imposant empfangen. Schöne Altstadt mit einer großen Mauer drumherum, kaum Tourismus und keine in den großen Sommerferien lärmenden und kotzenden Franzosen, schließlich war es Weihnachtszeit und für einen Sonnenbrand musste man ins Solarium gehen. Ein Hotelzimmer war schnell gefunden, winzig und preiswert, das dazugehörige Restaurant winzig und sauteuer, aber eben französisch, das heißt die Portionen winzig und gut. Überhaupt ein romantischer Abend mit Spaziergang am Strand, Blick aufs Meer und vorgelagerte Inseln, das Spiel der Gezeiten – St. Malo sei da quasi führend, riesiger Abstand zwischen Ebbe und Flut – und zum Beschluss der schönen Stunden ein paar hauchdünne Crepes mit diversen Aufstrichen in einem Lokal, das logischerweise Creperie genannt wurde. Kein Geschlechtsverkehr; dazu waren die Betten zu weich (Regitz hatte Probleme mit der Bandscheibe) und außerdem das Programm für den nächsten Tag zu anstrengend, wie Anja hier zum ersten Male erfuhr, ohne allerdings Näheres dazu.

Zum Frühstück ging man in ein zünftiges Café und vertilgte – hier kicherte Borsig bei der Aufzählung heimtückisch – mehrere Schoko-Croissants, Baguettes mit Marmelade sowie etwas, das als „Tarte“ verkauft wurde, auch so eine Art Kuchen war, aber keine „Torte“, wie es sprachlich irgendwie nahe liegen würde. Dann verabschiedete sich Regitz von seiner Begleiterin, um, wie er ihr unscharf mitteilte, „mal ein bisschen Kohle zu machen, das hier bezahlt ja nicht Sarkozy aus seiner schwarzen Kasse, Schätzchen“. Während Anja die Stadt erkundete, am Meer abhing, Mittags irgend welche belegten Brötchen aß, abermals die Stadt erkundete, am Meer abhing, am Abend schließlich in ihre Portion Muscheln mit Pommes heulte, war Regitz wie vom Erdboden verschwunden. Er tauchte erst spät, gegen 22 Uhr in der gemeinsamen Herberge auf, sehr schlecht gelaunt, noch wortkarger als sonst in den letzten Tagen, haute sich umgehend in die Falle und schlief ein. Am nächsten Tag wiederholte sich das Spielchen, nur dass Regitz bereits gegen halb zehn im Hotel auftauchte, nicht ganz so schlecht gelaunt war, aber wiederum sofort aufs Bett und in den Schlaf sagte, ohne einen Gutenachtkuss, wie Anja herausheulte.

„Und wie ist es der Schönen am dritten Tag ergangen?“ Ich antwortete auf Borsigs dumme Frage nicht, nickte nur. „Genau“, sagte er, „aber diesmal hatte Anja die Schnauze voll. Sie vermutete irgendein erotisches Fremdgehen, wie man das an der Uni nennt, und ist ihm nachgegangen. Schlecht für Anja, gut für uns.“

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