28.03.2011 -127-

Es war genau zwei Uhr, als ich die Augen schloss und von den Liebeslauten einer rolligen Katze (konnte auch meine Nachbarin gewesen sein) in den Schlaf geschickt wurde. Das nächste, was ich von diesem 29. Dezember hörte, klang wie das Hupen eines Autos und weckte mich. Da ich zu träge war, auf meine Armbanduhr zu gucken, wartete ich auf den nächsten vollen Glockenschlag vom Kirchturm, er kam nach einer gefühlten Ewigkeit und verkündete mir – wenn ich mich nicht verzählt hatte -, es sei exakt elf Uhr. Ich glaubte ihm und mir und stand auf.

Doch, es macht Spaß, mit einer Tüte frischen Backwerks, dazu ein obszönes Lied pfeifend, in das von arabisch-russischem Öl erwärmte traute Heim zurückzukehren. Man fühlt sich wie das, was man früher einmal einen Rentier nannte – bitte französisch aussprechen und nicht an dieses dämliche Tier mit dem noch dämlicheren Geweih denken. So wollte ich eigentlich immer leben: in den Tag hinein, ohne finanzielle Desaster, ein Halbdutzend unverklemmter Maiden in Reichweite, die einen schlechten Geschmack haben mussten, aber keinen schlechten Sex bevorzugten, dazu eine heile Welt voller philantropischer Unternehmer, wahrheitsliebender Politiker plus eine Sonne, die uns für lau von ihrem Kernkraftwerk schmarotzen lässt. Und Deutschland wird alle vier Jahre Fußballweltmeister und Lena gewinnt jedes Jahr den Grand Prix, bis 2076 die Bremsen an ihrem Rollator versagen und sie sich im Orchestergraben den Hals bricht. Sicherlich alles nicht zuviel verlangt.

Die Brötchen dufteten, wenn man sie aufschnitt, der Aufschnitt (sogar das gibt es heutzutage in einer Bäckerei) schmeckte auch ohne Brötchen, wenn diese verduftet waren. Blödsinn. Ich biss herzhaft in die beiden Wurstsemmeln (nacheinander, wohlgemerkt) und liebäugelte mit dem krönenden Schokocroissant, als es an meiner Wohnungstür Sturm klingelte. Nun ja, es würde nicht Jörg Kachelmann sein, also machte ich auf.

Es kam schlimmer: es war Borsig. „Mensch, wie das duftet! Kaffee? Und Brötchen?“ Er schob seine Nase an mir vorbei in den Flur, ließ sie in die Küche bis zum Tisch abbiegen. „Äh… Schokocroissant?“ Ich seufzte und ließ den Besitzer seiner vorwitzigen Nase folgen. „Richtig!“ jauchzte es unter der Schalke-Mütze. „Bedien dich“, jauchzte ich himmelhoch zurück. Nie war eine Aufforderung überflüssiger gewesen.

Borsig machte sich sofort über den Rest in der Tüte her – mein Herz weinte, als ich es „Rest“ nannte – und nötigte mich zu abermaligem Kaffeekochen. Die Aussicht, sehr bald als livrierter Chauffeur in Diensten der High Society zu stehen, schien ihn überraschenderweise über Nacht beflügelt zu haben, seine Tischmanieren ließen noch arg zu wünschen übrig, aber auch hier würde die lehrende Hand Oxanas Wunder vollbringen. Oder hatte der kleine Mann einen anderen Grund für seine gute Laune? Ich ließ ihm Zeit und verordnete mir Geduld, wie ein Arzt Schwitzkuren oder Blutegelkuren verordnet. Mein Schokocroissant, ein gediegener Batzen süßgefüllter Köstlichkeit, verschwand mit zwei Bissen in Borsigs Magen, eine Tasse des inzwischen frisch gebrühten Kaffees spülte alle krümeligen Indizien der verruchten Tat hinab. „So“, machte der Dieb und versuchte sich an einem Bäuerchen, „dafür sollst du auch mit prima Infos belohnt werden.“

Ich wartete gespannt. Ob ich mich noch an Anja erinnere? Regitzens Studentin? Mit der er in dieses – wie heißt der Ort noch mal? – St. Malo? – na egal, also die ihn jedenfalls begleitet habe? Ich erinnerte mich. „Nun denn“, lächelte Borsig, „die junge Dame ist wieder zu Hause bei Mama und Papa. Kleiner Kontrollanruf, schon hatte ich sie an der Strippe. Todunglücklich, das arme Kind, da eröffnet sich für unsereinen ein neues Jagdrevier, möchte ich mal sagen.“ Ich winkte ungeduldig ab. „Komm zur Sache, Mann!“ „Ja, ja“, wiegelte der ab, „immer mit der Ruhe. Anja ist knatschig, kannst mir glauben. Sie hat so einiges zu erzählen gehabt. Willst hören?“ Ich riss ihm das Mützchen vom Kopf und warf es in eine staubige Ecke.

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