27.03.2011 -126-

Bis ich meine Geschichte zu Ende erzählt hatte, war es beinahe Mitternacht geworden. Irgendwo tickte eine Uhr, sie sagte Mmmmmh-Mmmmmh, Irmi imitierte sie – oder andersrum. Eine neue Flasche Eierlikör war geöffnet worden, in meiner Verzweiflung beteiligte ich mich an der Verkostung, aber was hätte ich tun sollen? Irmi wollte wissen, woher ich den Namen Lonig kannte, ihren Namen. Nachdem ich ihr berichtet hatte, machte sie nur „is ja’n Ding“ und nahm tief Luft.

„Die Lonigs, musst du wissen, waren einmal so etwas wie die Neckermanns hier in die Stadt. Vorm Krieg kleine Scheißer, dann durch die Arisierung zu zwei Kaufhäusern gekommen, im Krieg ausgebombt und nach dem Krieg generös entschädigt. Kennt man ja, die ganze Litanei. Trümmerfrauen, Wiederaufbau, Wirtschaftswunder und ab den Achtzigern gings langsam bergab, der kaufmännische Zweig unserer Familie degeneriert, ein Cousin hochgradig schwachsinnig, was ihn zum Chef prädestinierte, leider von seiner Frau und ihrem Clan finanziell aufs Kreuz gelegt worden. Kurz und knapp: In den Neunzigern waren sie pleite, mit der Fortpflanzung hatten sie es auch nicht so und sind, bis auf mich, das schwarze Schaf, ausgestorben.“

„Und Gebhardt und Lonig?“ Irmi lachte. „Ja, das ist das einzige, was mich in dieser verfluchten Stadt noch an meine Familie erinnert. Da haben sie sich vor vierzig Jahren eingekauft, später, als alles den Bach runterging, hab die Gebhardts den Namen behalten, war halt gut eingeführt.“ Es gab also keinen Herrn Lonig – aber irgendwie gab es ihn doch, Lydia Gebhart hatte ihn erwähnt.

Irmi schwieg und im Stillen danke ich ihr dafür, dass sie mich mit weiteren Details ihrer Familiengeschichte verschonte. Sollte man einen Fernseh-Vierteiler daraus machen, würde ich gnadenlos weiterzappen. „Aber die Sache mit den Kindern ist wirklich übel. Das hätte ich Helga und Monika nicht zugetraut.“ Jetzt war es an mir, den ganzen gesammelten Pessimismus meiner Lebenserfahrungen in eine wegwerfende Handbewegung zu legen. Geht doch um Kohle, Mensch! „Würde mich nicht wundern, wenn sich auch das schönreden ließe und irgendjemand die Idee aufgreift und ‚Arbeitsplätze!’ krakeelt.“

Dem hatte Irmi nichts entgegenzusetzen. „Ich red aber mal mit den Mädels. Sind ja keine schlechten, nee, bestimmt nicht. Gibst mir deine Telefonnummer?“ Sie wäre die erste Frau gewesen, der ich meine Telefonnummer nicht gegeben hätte. Irmi nötigte mich zu einem letzten klebrigen Oralmissbrauch und tatsächlich, wenn man besoffen genug war, schmeckte das Zeug gar nicht mal so übel. Wir küssten uns an den Wangen vorbei, ich sagte der Holzstiege Adieu – sie knurrte mir nur verächtlich ‚hau ab’ hinterher – und rat in die Nacht, in die Stille, in die Kälte.

Es war ein anstrengender Tag gewesen, viele Fragen, viele Antworten, aus denen noch mehr Fragen gekrochen kamen, ich konnte gar nicht so schnell laufen, wie ich vor ihnen Reißaus nehmen wollte. Der 29. Dezember, dämmerte es mir, als vom Kirchturm ein einsamer Schlag verhallte. Einen Lonig gab es nicht, einen Herrn Lonig gab es wohl. Vielleicht ein Untoter, vielleicht der krimibekannte Onkel, der vor 50 Jahren nach Südamerika auswanderte, dort verscholl, für tot erklärt wurde und jetzt als Finsterling die alte Heimat beehrte. Südamerika? Chile? Zu Chile gehörten die Osterinseln. Tinnef. Gut, dass ich keine Amibitionen zur Kriminalschriftstellerei hegte, mit meiner durchgeknallten Phantasie würde ich es im Handumdrehen zum Bestsellerautor bringen.

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