25.03.2011 -124-

Ich wusste nicht, warum die Eierlikör kippende Irmi mich plötzlich in eine wilde Assoziation verstrickte, in der grimmig grinsende Osterhasen Ostereier auspressten, um Eierlikör herzustellen. Sorry, mein Kopf musste daran schuld sein. Die Vorstellung war grotesk, Irmi sei in diese Affäre verwickelt. Sie tat das, was Hunderttausende reifer Damen tagtäglich in einem Zustand geschmacklicher Verzweifelung tun: Sie süffelte eine kulinarische Obszönität und wartete auf den Kick.

Meine Konfrontation mit den wutschnaubenden und zugleich verunsicherten Wirtsschwestern steuerte auf einen zermürbenden Grabenkrieg  ohne Landgewinn zu, der die älteren meiner Leser an den 1. Weltkrieg erinnern dürfte. Um uns herum war es noch immer still, die Stecknadel fiel zwar nicht, dafür der Kopf des Krimiautors mit einem dumpfen Geräusch auf die Tischplatte, haarscharf neben das leere Bierglas. Der Mann mochte schreiben können wie der Teufel, beim Saufen hätte ihn jedes Schulmädchen locker übertrumpft.

Es war Irmi, die den Gordischen Knoten mit einem Schlag zertrümmerte. Sie stand auf, legte einen Zehneuroschein auf den Tisch und sagte zu mir: „Komm, hier wird’s ungemütlich, wir bechern bei mir zu Hause weiter.“ Noch bevor ich antworten konnte, sah ich mich am Kragen meiner Jacke ergriffen und hochgezogen, ich trottete hinter der Alten her, warf einen letzten Blick in die Kraterlandschaften der Rentnergesichter, aus denen mir spontane Todfeindschaft entgegenstarrte. Das nächste, an das ich mich erinnere, war die kalte Luft draußen und Irmis beruhigende Stimme, die mich „Bubi“ nannte und versicherte, sie wolle nichts Unanständiges von mir, ich sei ihr entschieden zu alt.

Irmi wohnte in einem schmalen Häuschen in einer ebenso schmalen Gasse am Rande der Fußgängerzone, eine angenehm geräuscharme Gegend, die von abendlichen Zechern nur bisweilen zum Zwecke des sich Erbrechens frequentiert wurde. Wir hatten auf dem Weg geschwiegen, taten es auch jetzt, als wir die Stiege erklommen, eine betagte Holztreppe, die uns zur Begrüßung ein Ständchen quietschte und ächzte.

Doch, sehr nett. Das Mobiliar stammte vom Sperrmüll, an den Wänden hingen Poster von Che, Frank Zappa beim Scheißen, Uncle Sam, der mich mit dem Finger zur Amy locken wollte und den drei berühmtesten Deutschen Karl Marx, Friedrich Engels und – nein, sorry, waren nur zwei. „Setz dich“, sagte Irmi und wies auf einen Hocker, den ein ziemlich zersaustes Fell – Kaninchen? – bedeckte. „Ich schätze, in deinem Alter kennt man noch nicht die Vorzüge des Eierlikörs. Soll ich dir ein Käffchen kochen? Hast das wohl bitter nötig.“

Ich nahm dankbar an, Irmi zockelte küchenwärts, „leg doch ne Platte auf, Mothers of Invention käme jetzt ganz gut, kann auch Grateful Dead sein, Justin Bieber hab ich leider nicht da.“ Ich wählte „Johnny Winter And Live“, knappe neun Minuten entzückte mich der texanische Albino in “Mean Town Blues“ mit seinen Gitarrenkünsten, Zeit genug für schaudernde Gedanken an das Alter (der Bursche saß jetzt im Rollstuhl) und für den Kaffee. Irmi servierte ihn im „Brokdorf NEIN!“ – Becher, schwarz natürlich, schon Rudi Dutschke hielt Milch und Zucker für Zeichen kapitalistischer Dekadenz. Für sich selbst hatte meine Gastgeberin eine halbvolle – halbleere? – Flasche Eierlikör und ein Wasserglas mitgebracht, sie füllte letzteres aus erster bis zum Anschlag, nahm einen kräftigen Schluck, „ah!“te und wischte sich den gelben Bart mit dem Ärmel ihres gelben Pullis ab, sehr clevere Farbwahl.

„So“, meinte sie dann, „jetzt erzähltst einfach mal, was für Probleme du hast. Und du HAST Probleme, so wie du aussiehst.“ Ich war hin und her gerissen. Sollte ich auch Irmi einweihen? Sie erleichterte mir die Entscheidung, seufzte nämlich und sagte: „Mann, Mann, Mann, wann lässt bei euch endlich mal die Libido nach? Also wer ist es? Helga oder Monika oder poppst du mit beiden oder willst es? Kannst mir alles sagen, einer alten Kommunardin ist nichts fremd.“ Dann auch nicht die Lüge, dachte ich erleichtert, und erzählte.

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