23.03.2011 -122-

Dinge, die sich nicht ändern lassen, muss man positiv sehen. Eine dieser Lebensweisheiten, für die man ihren Spender vierteilen sollte, dachte ich und stellte mir vor, wie alle Toten in ihren frischen Gräbern lagen und um Optimismus bemüht waren.

Immerhin: Diesmal war der Spruch nicht ganz so abwegig, ich hatte zwar ein wenig Prügel bezogen, als Schmerzensgroschen rollten jedoch nette Erkenntnisse und halbwegs brauchbare Informationen auf die Habenseite meines Kontos. Honig, der Lydia Gebhardts Hormonspiegel auf zivilisiertes Niveau hielt, stöckelte nächstens als allerliebst verschlamptes Mädel durch die Gegend, Miss Bodyguard im Tuntenfummel eingehakt. Gut, vielleicht war das Ganze nur Tarnung und ich selbst hatte mit meiner Aufdringlichkeit die Maskerade notwendig werden lassen. Wichtiger war die Sache mit den Plüschosterhasen. Total falsche Fährte, mein Lieber, die Spielzeuge enthielten etwas anderes, Diamanten oder Rauschgift oder – mir fiel gerade nichts anderes mehr ein, auch weil Raffke, nachdem sein kindlicher Rausch sich gelegt hatte, wieder den Faden seiner Lebensgeschichte aufnahm und daraus einen platten Thriller strickte, um den ihn jeder deutsche Regionalkrimiautor beneidet hätte.

„Leck mich am Arsch“, sagte er gerade, „diese Marianne wäre genau die Richtige für mich gewesen, sie hatte sogar einen Sprachfehler, aber ich kam zu spät. Sie hat einen Kölner Bauarbeiter erhört, Matze Pieper hieß der – oder Thorsten Weingart? Nein, sorry, Thorsten Weingart hat damals in der Schrebergartenkolonie diesen Scheißrhabarber angebaut, also Sie wissen schon, diesen Rhabarber…“ Ich musste hier raus. Raffke war kein Buch, das man einfach zuklappen und für die nächste Heizperiode reservieren konnte. Leider.

„Ich sag also zu diesem Weingart ey, dein behinderter Rhabarber wächst höher als die Gartenzwerge beim Muschkierat drüben – Muschkierat sammelt Gartenzwerge, was ich ziemlich pervers finde, sein Schwiegersohn Rolf Aachen stammt tatsächlich aus Aachen, witzig, ne? – und das ist laut Paragraf 15a der Schrebergartenordnung ver-bo-ten! Und was machst du überhaupt mit dem Zeug, hä? Meine Mutter hat immer Rhabarbermarmelade gekocht, Früchte und Zucker zu gleichen Teilen, verstehen Sie? Also nicht dieses widerliche Konzentrat, so 2:1 oder gar 3:1, das ist Pektin-Overdose, ne?, das war auch ein Fehler von Marianne, diese süße ungesunde Marmeladenpampe, aber ich hätte sie trotzdem geheiratet, im Bett war sie ne Wucht, also ich hab ja nicht wirklich mit ihr, aber sieht man Frauen ja an. Wenn nicht dieser Matze Pieper – oder hieß er Albrecht Natschinki? Nee, das war der Nachbar, als wir noch in Hohenbergbach, also jetzt Hohenbergbach an der Wumme, es gibt auch noch ein Hohenbergbach bei Paderborn, glaub ich, aber das kenn ich nicht, obwohl Paderborn kenn ich – also als wir dort wohnten – also nicht jetzt in Paderborn, sondern in Hohenbergbach an der Wumme, tolle Wohnung, aber der Balkon – ph!“

In Momenten höchster Bedrängnis entfaltet der Mensch ungeahnte Kräfte, die ihn aus der Not katapultieren, das ist so gewiss wie ein Kernkraftwerk erdbebensicher. Ich rappelte mich auf, schwankte bedenklich auf dem, was meine Beine sein sollten, überstand eine schwarze Wolke, die sich kurz vor meine Augen legte und gurgelte ein „Mensch, Mist, ich muss jetzt, wo es grad so interessant wird“ hervor. Raffke seufzte. „Schade, das Beste kennen Sie ja noch gar nicht, die Geschichte mit Linda, also man sagt ja Holz vor der Hütte, aber die Frau war ein Sägewerk, wenn Sie verstehen, was ich meine.“

Ich verstand und nickte verständnisvoll. Raffke half mir in die Jacke und hieß mich jederzeit in seiner bescheidenen Hütte willkommen, „ich geh ja nirgendwo mehr hin, seit ich mit dieser Olga mal – nee, nicht an der Wolga, kleiner Scherz – also im Harz war wandern, ne? So eine Scheiße, Sie können sich das nicht vorstellen.“

Ich wollte es auch nicht und verabschiedete mich. Die Nacht empfing mich frontal an ihrer kältesten Schulter, ich warf ihr einen bösen Blick zu und ignorierte sie fortan.

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