22.03.2011 -121-

In Raffkes Augen lag, als er den Plüschosterhasen zum Sprechen brachte,  der obsessive Glanz jener Lüsternheit, wie sie Spiel- und Sexsüchtigen eigen ist sowie manischen Sammlern und Jägern. Befand ich mich – um in den Tierwelt zu bleiben – hier gar in der Höhle des Löwen? Gehörte auch Raffke, dieser unscheinbare, auf Harmlosigkeit getrimmte Hausmeister zu den verbrecherischen Kräften? Alles wieder einmal nur Lug und Trug, Kalkül und böse Absicht? Ich versuchte mich aufzurichten, aufzustehen, Raffke hielt mir den Osterhasen direkt vors Gesicht und das Tier begann zu sprechen.

„Phosphorgetränktes Speiseeis pöbelt an blutroten Donnerstagen gerne beidseitig der Mosel mit Pik-Assen um die Wette.“

„Ist das nicht herrlich? Ein Spielzeug mit Sprachstörung! Hat mir Herr Honig mal aus seiner Firma mitgebracht, weil doch alle wissen, dass ich so etwas sammle! Warten Sie, warten Sie!“ Er hüpfte aus dem Zimmer, wieder hörte man ihn hantieren. Nein, beruhigte ich mich, dieser Mann ist kein Verbrecher, er ist nur ein völlig durchgeknallter Liebhaber des Abseitigen, Karlheinz Lindemann fiel mir ein, ein ehemaliger Schulfreund, den ich vor Jahren zufällig getroffen und der mir beiläufig mitgeteilt hatte, er sammle Tintenfischringe aus griechischen Restaurants, in Spiritus eingelegt wegen der Haltbarkeit (die Tintenfischringe, nicht die Restaurants).

Raffke kam mit einem hellbraunen Teddybären zurück, der anstatt „Ich hab steife Ohren“ „Ich knabber dir ein Ohr ab“ brummte. Als nächstes folgte eine Puppe mit langen blonden Haaren, die nicht „Mama!“ rief, sondern „Mettwurstbrot“. Auch ein Stoffkamel zählte der Sammler Raffke zu seinen Prunkstücken, es murmelte „In der Wüste hab ich Gelüste“ und nicht, wie eigentlich vorgesehen „Das Wüstenschiff läuft auf ein Riff“. Der gute Hausmeister war bald völlig außer Atem, was nicht nur daran lag, dass er auf erstaunlich flinken Beinen zwischen Wohnküche und Schlafzimmer pendelte. Sein Kopf war gerötet, drückte den Schweiß der bis kurz vor den körperlichen Lusterguss reichenden Ekstase durch die Poren, kommentierte die Fehlleistungen seiner Objekte mit impulsiver Begeisterung und nickte mir zu wie ein Missionar seinen Heidenkindern. Aber ich fand nichts an der Religion des Hortens unnützer Gegenstände, obwohl, wenn ich es mir recht überlege, es eine der sympathischeren Religionen auf diesem Erdenrund sein dürfte.

Als krönenden Abschluss seiner Vorführung schleppte Raffke eine Gummipuppe heran, wie man sie in Sexshops erwerben kann. Er blies sie routiniert – zu routiniert? – auf und heulte beinahe „Warten Sie, warten Sie, gleich sagt sie was!“ Sie tat uns den Gefallen und stöhnte „Kartoffelsuppe, Kartoffelsuppe“. Das brachte Raffke endgültig an den Rand des Orgasmus. „Eigentlich“, sagte er, „soll sie einfach nur ‚Du bist so geil, Ludwig’ plappern, aber ich finde ‚Kartoffelsuppe, Kartoffelsuppe’ viel erotischer. Sie nicht?“

Ich nickte. Inzwischen war es mir gelungen, mich auf den Rand der Schlafcouch zu setzen, meine Füße berührten den Boden, meine Mitte kehrte langsam zurück, wenn auch zunächst nur als undefinierbares Kribbeln zwischen Meniskus und Brustwarzen. Mein Kopf brummte leicht, nicht so wie Raffkes Teddybär, eher wie ein Kreisel, den kleine Kinder über den Asphalt prügeln. Was bedeutete das alles? Warum schenkte Honig ein Objekt mit verräterischer und wertvoller akustischer Information einfach so her? Weil es nicht mehr gebraucht wurde? Weil das, was das Häschen sagte, eh kein Mensch verstand außer denen, die damit ihre verbrecherischen Geschäfte am Laufen hielten? Die Einsicht kam prompt und überraschend: Es ging überhaupt nicht um das, was die Hasen zu sagen hatten. Das war – ja was eigentlich? – nur eine Markierung, ein Hinweis auf die speziellen Stücke der jeweiligen Lieferung. Die Hasen bargen etwas anderes, sehr Handfestes.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s