19.03.2011 -118-

Ich bin kein Freund roher Gewalt, es sei denn, das Zielobjekt meiner Faust ist kleiner, ängstlicher und schwächer als ich. Nein, Scherz. Meine Waffen sind andere. Wenn mir einer blöd kommt und ich merke, wie in meinem Gegenüber die archaischen Gene die Oberhand gewinnen, dieses steinzeitlich Rohe, dieser nach Blut heischende Rausch, wie ihn berstende Hirnschalen oder geknickte Glieder verursachen, dann lege ich meine Stirn bedrohlich in Falten – und gut is.

Wir kennen dieses Verhalten aus der Tierwelt, man denke nur an den Totenkopffalter, der potentielle Feinde – und der Typ hat mehr Feinde als ein Arbeitgeberpräsident – mit seiner Flügelzeichnung abschreckt. Er ist quasi der Hell’s Angel unter den Schmetterlingen. Ähnliche Muster beobachten wir unter Politikern, wenn zahn- und argumentationslose Herr- und Damschaften sich total böse hinter Rednerpulten aufbauen, um Gift und Galle zu spucken. Der Diktator muss weg, aber wir enthalten uns mal der Stimme. Das schüchtert ein, obwohl der denkende Mensch sogleich weiß: Nur arme, ängstliche Würstchen, sie müssen halt spielen.

Das Haus, in dem Honig wohnte, gehörte zu denen, auf deren imaginärer Stirn ganz groß „Eigentumswohnungen“ stand. Fünf Stockwerke, scheckbuchgepflegt, sogar einen „Hausmeister Raffke“ leistete man sich für so komplexe Arbeitsabläufe wie das Auswechseln von Glühbirnen, jedenfalls verriet dies das Klingelbrett. Honig hatte das Penthouse erworben, das er – Englischkenntnisse durfte man bei ihm wahrlich nicht voraussetzen – wohl immer „Pennhaus“ aussprach. Ich trat ein paar Schritte zurück und schaute nach oben, die Jalousien waren runtergelassen worden, kein gelbes Etwas blitzte durch die Lamellen, was nichts besagte. Ich klingelte und wartete.

Keine Gewalt also. Aber so tun als ob. Der Bursche hatte bereits eine lädierte Nase und würde sich hüten, es auf einen weiteren Schlagabtausch ankommen zu lassen. Ich übte Gesichtsgrimassen und fand endlich jene, bei der man mir den schwarzen Gürtel in Karate umstandslos abkaufte. Außerdem war Honig zwar jünger, aber dafür kleiner und schmaler als ich. Im Notfall musste ich also sein kaputtes Nasenbein durch bloßes Streicheln ein zweites Mal brechen.

Ich klingelte wieder, drei kurze Töne und ein langer. Es tat sich nichts. Ein womöglich längere Wartezeit stand mir bevor, diesmal ohne Auto und Verpflegung, ohne Wein, Weib und Laptop. Oder sollte ich das Vorhaben abbrechen, auf morgen verschieben? Ich lief ein wenig auf und ab. Dachte nach. Honig und Lonig, so assoziierte ich vor mich hin, der eine ein armes Würstchen, der andere der mächtige, sinistere Satansbraten im Hintergrund. Lydia Gebhardt und ihr Gatte, das hermetisch abgeschirmte Haus. Der ganze Osterquatsch. Ostereiersuche mit sprachgestörten Osterhasen auf den Osterinseln, wer die meisten findet, erhält einen Strauß Osterglöckchen und darf sich als erster sein Stück vom Osterlamm abschneiden.

Fünf Minuten, zehn Minuten, fünfzehn Minuten, zwanzig Minuten. Im Erdgeschoss, wo Hausmeister Raffke hauste, wurde Beethovens achte Symphonie oder Bruckners elftes Klavierkonzert abgespielt, so genau konnte ich das noch nie unterscheiden. Auf jeden Fall war es nichts, was mal jemand als Popp-Musik bezeichnet hat, Chopins „Valse d’amour“ beispielsweise oder Tschaikowskis „Nussknacker-Suite“ in der extraerotischen Version mit Blockflöte und konterkarierendem Kontrabass.

Egal, ich hörte mir das an, weil es sonst nichts zu hören gab. Doch. Schritte im Treppenhaus, und zu sehen gab es auch etwas, Licht nämlich. Die Schritte klangen weiblich, klack, klack machte es und die Tür öffnete sich und tatsächlich kam Weibliches zum Vorschein, zwei junge Damen.

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2 Antworten zu 19.03.2011 -118-

  1. Bio schreibt:

    „Pennhaus“ ist gut. Hast Du schon mal an eine Karriere als Übersetzer gedacht?:-D

    Aber das mit dem aggressiven Stirnrunzeln hast Du von Guido W. abgeguckt. Als der die Erklärung verlas, warum Deutschland sich bei der UN-Abstimmung der Stimme enthalten hat, habe ich´s ganz deutlich gesehen. Seine messerscharfen Stirnfalten haben ja schließlich den Despoten einknicken lassen. Vielleicht sollte er mal öfter in Afghanistan auftreten?

  2. Dieter Paul Rudolph schreibt:

    Übersetzer? Da kann ich ja gleich als Hungerkünstler gehen. Oder als Mimiktrainer von Herrn G.W. Beides schlechte Aussichten.

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