14.03.2011 -113-

„Sonja steht noch immer unter Schock“, berichtete uns Oxana. „Sie verlässt ihr Zimmer selten und ständig streift Marxer um sie herum. Bringt ihr das Essen – das ich gekocht habe -, schickt mich mit überflüssigen Aufträgen aus dem Haus und wenn ich wiederkomme, sitzen sie zusammen und Marxer fragt Sonja aus. Aber das Schlimmste: Marxer schreibt.“

Das war tatsächlich eine Schreckensnachricht. Schriftsteller, die schreiben, sind beinahe so schlimm wie Müllwerker, die Müll schlucken und dann wieder ausspeien. Ein Krimiautor sollte von der Gesellschaft dafür bezahlt werden, seine schriftstellerische Tätigkeit auf Einkaufszettel und Steuererklärungen zu beschränken. Ein kleines Opfer für den einzelnen Menschen, aber ein großer Gewinn für die Menschheit. Dass Marxer schrieb, machte ihn zu einer Gefahr, manifestierte die perverse Verschwurbeltheit seiner Gedanken, ließ diese unsterblich werden, eine nur mit dem Weltuntergang zu entschärfende Zeitbombe, die hartnäckiger mit schädlichen Stoffen kontaminiert war als jedes gespaltene Uranatom.

Oxana nippte vom Kaffee, gabelte ein winziges Stück Torte, lobte beides knapp und mit wenig schauspielerischer Klasse, fuhr dann fort: „Mein Vater, Alexey Iwanowitsch Bodyrin, Gott hab ihn selig, war beim KGB. Ihr kennt den KGB? Geheimdienst. Kein großes Tier, mein Papuschka, ein kleiner Bürokrat. Aber er hat mir etwas vererbt – leider das einzige -, ein gewisses Talent zur Spionage nämlich. Bis kurz vor halb zwei hat sich Marxer in seinem Arbeitszimmer verschanzt und geschrieben. Wie immer mit Füllfederhalter auf Büttenpapier, er hat eine gestochen schöne Schrift und ich vermute mal, jeder mit gestochen schöner Schrift hält das für die wichtigste Voraussetzung zum Schriftstellerberuf. Wenn Marxer die Tinte nicht mehr halten kann, das merk ich sofort. Er stolpert durchs Haus, schlägt die Türen brutal zu, stolpert über das Tigerfell in seinem Schlafzimmer als wäre schon Silvester und murmelt an einem Stück „Hochliteratur, Hochliteratur“ vor sich hin. Wenn er mit dem Schreiben fertig ist, wird er wieder ganz der Alte, sprich ein dümmlich schwätzender geiler Bock. Er ist sofort zu Sonja, ich also ins Arbeitszimmer. Was er geschrieben hat, lag natürlich eingesperrt in einer Schublade des Schreibtisches. Marxer glaubt, es gebe dazu nur einen Schlüssel – den er übrigens an einer Goldkette um seine Lenden mit sich führt. Ich aber weiß, dass es zwei Schlüssel gibt, hab ich mir doch eine Kopie anfertigen lassen. Das meine ich mit meinem ererbten Talent.“

Sie kramte in ihrer überdimensionierten Handtasche – mindestens Gucci, wenn nicht gar von jungen Pariser Chansonsängerinnen handgenäht – und brachte einen Umschlag zum Vorschein, aus dem sie ein paar Seiten Papier zog. „Schnell kopiert“, grinste Oxana und Laura grinste ein verstärkendes „heiß“ hinterher. „Holla“, sagte Borsig und rückte seinen Stuhl näher an den der Kasachin, um wenigstens in den Genuss ihres Parfüms zu kommen. Hermine sagte nur: „Aber zuerst isst du deine Torte auf, Schätzchen, an dir is ja nix dran.“ Was die Fehlinterpretation eines perfekten Körpers schlechthin war.

Oxana räusperte sich, wandte sich zu mir und sah mir tief in die Augen. Ich wich ihrem Blick schamhaft aus, Hermine registrierte es mit einer Mischung aus Genugtuung und Misstrauen. „Er hat drei Seiten geschrieben. Die erste ist praktisch die Konzeption des Romans, den er aus unseren Abenteuern zu verzapfen gedenkt. Er trägt den Arbeitstitel – nicht erschrecken – „Im Tal der plaudernden Osterhasen“. Die beiden restlichen enthalten eine Art Gedächtnisprotokoll von Marxers Gesprächen mit Sonja. Soll ich vorlesen? Aber ich warne euch: Das ist harter Stoff.“

Wir nickten unisono und lehnten uns zurück, Hermine schloss die Augen wie bei einer Dichterlesung. Und Oxana begann.

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