13.03.2011 -112-

„Heiß“, hauchte Laura und ihre Zahnspange funkelte wie der Sternenhimmel vor dem Zeitalter des Smog. Sie meinte damit nicht nur die Sahnetorte, von Hermine auf die Sekunde genau in der Mikrowelle erhitzt, jedenfalls außen. „Köstlich“, schleimte Borsig in Hochstimmung, hatte er doch soeben seinen Tausender einkassiert und fand das genauso heiß wie Laura.

Es war, alles in allem, ein gutbürgerliches Beisammensein mit Kaffee und Kuchen, an einem nun endgültig trüben Nachmittag, ein loses Schnattern und Feilschen, gemütlich wie eine Bundestagsdebatte. Jonas kämpfte mit seiner Mutter um die Barauszahlung einer möglichst großen Tranche seines Tausenders, es ging um nichts Geringeres als die Liquidität der Spielhallenindustrie, um Binnennachfrage und Arbeitsplätze, doch Hermine, die Finanzministerin, blieb unbeugsam. Mehr als einen Hunderter bewilligte sie nicht, den Rest erhielt die Bank zur freundlichen Verschleuderung an den internationalen Finanzplätzen.

Borsig spielte den Hinterbänkler und schwieg. Sein Schalkemützchen bewegte sich im Takt der Kaubewegungen seines Trägers, die Mimikry wurde perfekt, als dabei unwillkürlich entstehende Stirnfalten suggerierten, Borsig räsoniere justament über komplexe Sachthemen, die weit über so Triviales wie die Frage, wie er ein weiteres Stück Kuchen abbekommen könne, hinausgingen. Oxana verspätete sich. Und ich selbst? Ich dachte an Sonja Weber und ärgerte mich darüber.

„Und jetzt?“ Hermine sah mit erwartungsvoll an, auch Jonas hatte seine Bemühungen um mehr Bargeld aufgegeben und fügte ein „Genau“ hinzu, während Borsig die Gelegenheit nutzte, sich einen weiteren Streifen Torte zu sichern und Laura überlegte, ob ein „cool“ angemessener wäre als ein „heiß“, vielleicht zu dem Schluss kam, es sei Zeit für ein „lau“ und lieber schwieg. „Ja und jetzt“, variierte ich schwachsinnig „Es gibt eine neue Spur, einen neuen Verdächtigen und einen Zusammenhang zwischen Osterhasen und Osterinseln. Das ist besser als nichts, um nicht zu sagen, das ist ziemliche Scheiße. Die Geschichte wird jetzt noch komplizierter.“

„Und wir haben St. Malo“; sagte Borsig überraschenderweise und ohne sich an seiner Torte zu verschlucken. „Der gute alte Regitz hängt dort grad ab – ich verfluche seinen Namen – und hat ein schräges Ding im Tornister. Gibt’s da einen Zusammenhang?“ Warum er dabei mich ansah, wird immer sein Geheimnis bleiben. Ich machte ein pflichtgemäßes „Tja“, überlegte kurz und führte aus, St. Malo sei eine Hafenstadt, in Hafenstädte gebe es Schiffe, die übers Meer fahren und die Osterinseln befänden sich, überhaupt kein Zweifel, mitten im Meer, denn das sei der Grund, warum man sie als Inseln bezeichne. „Hm“, machte Hermine wenig überzeugt. Das Klingeln an der Tür rettete mich davor, weitere Details dieser doch sehr abstrusen Theorie auf den Tisch legen zu müssen. Es war Oxana und sie trug unter einem eher unspektakulären Duffle Coat aus schwarz mattem Kunstpelz ein enganliegendes eiergelbes Kostüm sowie rote Lackstiefel bis zu den Knien, was selbst Jonas mit einigem verblüfften Wohlgefallen registrierte und einen Laura-Blick jenseits von heiß und cool erntete.

Oxana hatte schlechte Laune, sie machte keinen Hehl daraus. „Dieses Arschloch“, schimpfte sie, womit sie nur Marxer meinen konnte. „Na“; beruhigte Hermine, „jetzt reg dich erst mal ab und trink ein Käffchen. Die Torte schmeckt geil, schau dir mal den Kleinen an, der wird hier noch zum Tortensuchti. Ich schneid dir’n Stückel ab.“ Oxana nickte, wenig begeistert. „Marxer lässt mich nicht mehr an Sonja ran, der plant ein ganz linkes Ding.“ Ihre Stimmung hellte sich schlagartig auf. „Aber hey, eine Kasachin linken? Das haben die Sowjets in achtzig Jahren nicht geschafft, das wird dieser Spast umso weniger packen.“

Sogar Borsig stellte das Kauen ein und wartete auf Näheres.

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