12.03.2011 -111-

Mein Mittagessen bestand aus Knäckebrot, einem Stück Leberkäse und warmen Gedanken, leidlich nahrhaft sowie kalorien- und erkenntnisarm. Osterhasen und Osterinseln, sehr witzig. Was, wenn Bruggink Honorarkonsul auf den Weihnachtsinseln gewesen wäre? Klar, ne? Oder auf dem Bikiniatoll? Nein, ging nicht, das strahlt ja noch ein paar hunderttausend Jahre. Lieber die Jungfraueninseln, aber es gab gewiss mehr Plüschosterhasen als intakte Jungfrauen.

Bei Facebook war ich inzwischen stolzer Besitzer von 59 „Freunden“, darunter eine große Firma, die sich der Herstellung von Kartoffelklößen widmete, ein Aktionsbündnis zur Rettung des Konjunktivs und des Dativs, eine wohl konkurrierende Bewegung zur Tilgung des verbindenden „s“ in Wortkombinationen wie „Sekretariatsassistentin“ (sie bezogen sich übrigens auf den großen Jean Paul, der einen dicken Text darüber verfasst hatte) sowie, ich traute meinen Augen kaum (aber wann tue ich das schon), Katharina Bruggink. Ich klickte ihr Profil an und sah, dass sie seit jüngstem auch mit Oxana befreundet war, was wenigstens halbwegs plausibel machte, warum das widerspenstige Brugginkkind auch mich aufgenommen hatte. Sie durchforstete die Freundeslisten ihrer Freunde und schuf sich eine Gemeinde, 4.309 gehörten bereits dazu.

Weil ich gerade dabei war, googelte ich die Osterinseln und erfuhr, sie gehörten politisch zu Chile, lägen ganz alleine im Pazifik und ihr nächster Nachbar sei Pitcairn, jene Insel, deren Bewohner größtenteils von den Meuterern der Bounty abstammen, was einen gewissen Kriminalitätsbezug herstellte, mir aber auch nicht weiterhalf, zumal der Abstand zwischen diesen Nachbarn 2078 Kilometer beträgt, eine Distanz, die manch ein ertappter Betrüger gerne zwischen sich und seinen Mitmenschen sähe. Bemerkenswerter, dass die Osterinsulaner als einzige im ganzen weiten Pazifik über eine eigene Schrift verfügten, die den schönen Namen Rongorongo trägt. Man liest von links nach rechts, die Tafel wird jedoch nach jeder Zeile um 180 Grad gedreht und überhaupt steht jede Zeile gesehen zu vorigen auf dem Kopf und die Schrift ist gegenläufig, man liest dann also von rechts nach links, wenn ich das richtig interpretierte. Ich kenne keinen Einwohner der Osterinseln persönlich, nahm aber sofort an, dass es sich um ein lustiges Völkchen handeln musste, wenn es ein solches Gewese um seine Schrift machte.

Die spektakuläre Ermordung des Dr. Habicht war noch immer für breite Schlagzeilen in der regionalen Presse gut. Es wurde spekuliert, die Tat trage die Handschrift von abwechselnd der italienischen, der russischen, der chinesischen Mafia, bei dem Mann, welcher zum Zeitpunkt der Ermordung in unmittelbarer Nähe des Tatorts in Gesellschaft zweier Frauen beobachtet worden sei, handele es sich folglich möglicherweise um einen Italiener, einen Russen, einen Chinesen oder, es überraschte mich nicht, um einen „arabisch aussehenden Bärtigen“, für alle diese Variationen gab es Zeugen. Großmuschelbach jedenfalls, so vermeldete es eine Homestory, trauere maßlos um seinen Mitbürger, einen selbstlosen Arzt und guten Menschen, dessen man ewig gedenken wolle etcpp.

Ich verabschiedete mich aus dem Internet, auch nicht viel schlauer als zuvor, sah aus dem Fenster, bemerkte nichts Besonderes, das Wetter war wie ich selbst am Grübeln, schwankte zwischen Sonne und Wolken, die Weihnachtsdekoration spannte sich noch über die Straße, was mir nur auffiel, weil sie, wenn die Wolken für Düsterkeit sorgten, noch immer am Stromnetz zu hängen schien. Verschwendung, aber es kümmerte mich nicht. Ich zog mich langsam an und machte mich auf den Weg zu Hermine.

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