08.03.2011 -107-

Schlimm genug, wenn man von einer Frau wortlos verlassen wird. Schlimmer, wenn fünf Minuten später die Standheizung streikt, obwohl sie mit den Lokführern nicht solidarisch ist. Aber am schlimmsten: Ich musste dringend pinkeln und wusste nicht wo.

In diesem Millionärsdorf gab es weder diskrete Büsche noch dunkle Ecken. Die Straßenlampen glühten im Zehnmeterabstand, als sei Energieverschwendung eine populäre Sportart, die Alleebäume waren gewachsen wie Topmodels, für die gewiss zahlreichen Hündchen standen überall Bonsaibäumchen bereit, um sich duschen zu lassen. Von den Videokameras, die in Legionen ihre Augen auf alles fixierten, was sich bewegte, gar nicht zu reden. Nein, dies war kein Platz für Blasenschwäche.

Ich zerkaute Oxanas letzte Fleischbällchen, den Laptop auf den Knien, die sich nicht entscheiden konnten, warum sie zitterten, aus Gründen von Arschkälte oder frech revoltierendem Urin. Was hatte sich Oxana eigentlich gedacht? Keine Frage, sie war gekleidet, als habe sie geahnt, dass eine exklusive Gesellschaft auf sie wartete. Und – nur geahnt oder gewusst? Konnte ich ihr überhaupt trauen? Der Stachel des Misstrauens bohrte sich mir durch Seele und Leib. Oder war diese Aktion ein weiteres Beispiel für das von Hermine für das dem  weiblichen Geschlecht zugeordnete Bauchgefühl? Und was für Bäuche mussten das sein, so ganz andersartig als die unseren? „Weiber“, pfiff ich giftig durch die Zähne. Der Unterleibsdruck nahm zu, wurde unerträglich, ich würde gegen Marxers Auto pissen müssen, der Gedanke gefiel mir und ich trank die Weinflasche aus, damit es sich lohne.

So litt ich, als ein knallblauer Lieferwagen vor dem Tor hielt und nach kurzer Frist eingelassen wurde. „Jürgens biodynamische Partyware“, aha, mein Freund Bio-Jürgen, und tatsächlich stieg er leibhaftig aus und begann, mit Alufolie abgedeckte Platten ins Haus zu schleppen, was ihm auf diese Weise eine tragende Rolle in dieser Geschichte verschaffte. Kein Zweifel, hier ernährte man sich vollwertig und gesund, echtes Schrot und Korn eben, und beim Gedanken an Jürgens legendäre Shrimps aus eigener Badewannenzucht mit fair gehandelter Mayonnaise lief mir das Wasser im Mund zusammen.

Etwa zwanzig Minuten, nachdem Oxana die Villa – nennen wir das unglaubliche Gebäude mal so – betreten hatte, trat Honig aus derselben. Ohne die Plastiktüte, dafür mit einer jungen Frau, einem Mädchen eigentlich, das unübersehbar ein Kaugummi in seinem kaum siebzehnjährigen Mund malträtierte. Die Kleine wirkte, wie alle ihre Altersgenossinnen, höchst gelangweilt, was der einzig mögliche Gemütszustand an der Seite Honigs sein konnte, von Ekel einmal abgesehen. Das Pärchen, das keines war, stieg in Honigs Wagen, wieder öffnete sich das Tor und weg waren sie.

Ich tat nun das, was jeder an meiner Stelle getan hätte und was ich schon längst hätte tun sollen: Ich entleerte mich in die Weinflasche. Es war eine durchaus artistische Leistung und ich durfte dabei weder an Hermine noch an Oxana denken, man weiß schon warum, die alte Geschichte mit den Röhren, die ineinander passen müssen. Die sauber wiederverkorkte Flasche verstaute ich im Kofferraum, nicht ohne einen PostIt-Zettel daran zu befestigen: „Herrn Marxer mit vorzüglicher Hochachtung“. Er war ein miserabler Weinkenner und die Chance, dass es ihm munden würde, stand gut. Der Mann trank auch deutsche Rotweine mit Genuss, also.

Jürgen hatte seinen Job erledigt und rauschte von dannen, wahrscheinlich, um daheim einen Krimi zu lesen. Ich hingegen fühlte mich wie das siebzehnjährige Mädchen von vorhin, ich langweilte mich, selbst das Internet bot keinen Trost. Das Leben, hat ein kluger Mann einmal gesagt, findet seinen Sinn darin, die Wartezeiten zwischen den Langeweilen unterhaltsam zu überbrücken. Mochte stimmen. Ich überbrückte sie mit Langeweile.

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2 Antworten zu 08.03.2011 -107-

  1. Bio schreibt:

    Ich bitte dich! „…. mit ALUFOLIE bedeckte Platten…“ Tss,Tss Schon seit langem sind für diesen Zweck aus alten Weinkorken recycelte Osmo-Folien (100% abbaubar) in Gebrauch.

  2. Dieter Paul Rudolph schreibt:

    äh… aus artgerechter Haltung, will ich doch hoffen!
    …. Buch kommt auch noch …

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