07.03.2011 -106-

Die Straßen gehörten uns fast allein. Oxana ließ Honig sichere fünfzig Meter Vorsprung, er beließ es gesetzestreu bei fünfzig Pferden und hielt an jeder roten Ampel, ein Mensch ohne Ambitionen, von irgend einem Amt zurückzutreten.

Der Mann mit der gebrochenen Nase führte uns aus der Stadt hinaus. Schon stand mir Schauderndem das vermaledeite Wort „Großmuschelbach“ vor Augen, als Honig abbog und die Straße nach Neugermanich nahm, dem glatten Gegenteil Großmuschelbacher Elends, ein ehemaliges Kuhdorf, das clevere Architekten zur gentrifizierten Suburbia oder wie auch immer gemacht haben, für die Glücklicheren von uns, die gerne Fußballplätze anlegen und sie Vorgarten nennen. Hier wurde nicht gewohnt, hier wurde residiert, die Straßen waren mit Flüsterasphalt geteert und überhaupt keine Straßen, sondern sämtlich Alleen, manche mit Pappeln, manche mit dicken Eichen, um die man im Falle eines betrügerischen Bankrotts sein Auto und sich selbst ebenso standesgemäß wie endgültig wickeln konnte. Ich hatte Neugermanich noch in Erinnerung als ein verschlafenes Nest vierschrötiger Männer, stempelbeiniger Frauen und pickliger Fahrschüler, aber so wie aus mir kleinem Jungen von damals ein kleiner Mann von heute geworden war, so aus den Neugermanichern Bewohner von grauen Mietshäusern am Rande der Stadt. Im neuen Neugermanich zu residieren konnte sich nur leisten, wem es zu popelig war, eine Zigarre mit einem 500-Euro-Schein anzuzünden. Mit zweien ging es besser.

Gegen das Anwesen, vor dessen schmiedeeisernem Tor Honigs Wagen stoppte, stank die Gebhardtsche Trutzburg ab wie eine billige Kopie aus dem sozialen Wohnungsbau. Wenigstens sah man durch die Vergitterung das Haus selbst, es verdiente die Bezeichnung Schloss durchaus. Im Hof stand alles, was dem Autofreund lieb und teuer ist, von A wie Alpha Romeo bis Z wie Zweirad, wobei unklar blieb, was teurer gewesen war, der Sportwagen oder der Drahtesel.

Das Tor öffnete sich automatisch, ohne dass Honig hätte aussteigen müssen. „Freundlicher als bei der Gebhardt“, murmelte Oxana. Honig stellte sein Auto – einen ansonsten an diesem Ort völlig deplazierten Nissan – neben Untertürkheimer Extraklasse mit Stern ab, die Plastiktüte in der Hand, dem aus allen Öffnungen leuchtenden Palast zu. Ich stieg aus, benahm mich wie ein nächtlicher schlafloser Spaziergänger, strolchte am Tor vorbei und las auf dem Messingschild den Namen des Hausherrn in gediegenem Sütterlin: „Bruggink“.

„Hol einen Lap aus dem Kofferraum“, wies mich Oxana an. Ich tat es und die auf sämtlichen Tasten virtuose Kasachin klickte uns ins Web. Bruggink. „Das ist er. Dr. Dr. Mathis Bruggink, Generalkonsul a.D.” Dr. Dr.? Der Mann schien ein großes Herz für Ghostwriter zu besitzen.

Es leuchtete nicht nur im Brugginkschen Palast, es redete auch. Wir hatten die Fensterscheiben nach unten gekurbelt, genossen die frische Luft ebenso wie den Tuschelteppich, der uns entgegenflog wie orientalischer Bodenbelag, wir hofften, es säßen keine flüchtigen arabischen Potentaten darauf. Verstehen konnten wir natürlich nichts, nicht einmal ein Lachen webte sich ein. „Smalltalk“, diagnostizierte Oxana und zog ihre Schminkutensilien aus der Handtasche auf der Rückbank. Ich beobachtete fasziniert, wie dunkelroter Lippenstift aufgetragen, wie die Wangen abgetupft und die Augen dunkelblau betont wurden, Dinge allesamt, die uns Männern vorenthalten bleiben, na ja, den meisten von uns jedenfalls.

Als sie fertig war, atmete Oxana einmal kräftig durch und öffnete die Wagentür, sagte „so“. Bevor ich wusste, was geschah, stöckelte sie auch schon dem Tor des Brugginkschen Protzhauses zu, drückte auf den Klingelknopf und wurde eingelassen.

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