05.03.2011 -104-

Wir steckten uns gegenseitig kasachische Fleischbällchen in die Münder. Bissen von einem Stangenweißbrot ab, das allerdings schon bessere Tage gesehen hatte. Tranken aus einer Flasche, deren Wein halb so alt war wie ich, also doppelt so alt wie Oxana. Der Grund für solche Neckereien lag auf der Hand: Wir langweilten uns fürchterlich.

Das Gebhardtsche Anwesen verbarg sich hinter einen weißen Mauer, die so hoch war, dass man nicht einen Stein des Hauses sehen konnte. Vielleicht gab es dahinter also gar kein Haus oder, falls doch, war es leer oder, wenn nicht, von jemand anderem bewohnt. Das große Tor sah verdammt stählern aus, eine Gegensprechanlage sortierte die Besucher in erwünscht und unerwünscht, ein Namensschild suchte man vergebens. Unser Wagen parkte etwas versetzt vom Tor auf der anderen Straßenseite. Ich war so aufgeregt, dass mir erst nach einer guten Stunde Oxanas Kleidung ins Auge fiel, ein heller gräulicher Pelz, knielang, die Beine vom schon obligatorischen schwarzen Nylon in jenen Zustand geformt, der die Ausgangssituation für jegliche Spielart schweren Männerwahnsinns ist. Die Standheizung arbeitete auf Hochtouren, ich hätte sie nicht gebraucht.

„Zobel?“ fragte ich und streckte einen Zeigefinger zum Pelz. „Nein“, lachte Oxana, „ich arbeite nicht für einen russischen Oligarchen – also wohl unter ihm -, nur für einen halbwegs erfolgreichen deutschen Krimiautor.“ Kunstpelz also, ich erinnerte mich an den Kunsthonig meiner Jugend, den Kunstunterricht meiner Schulzeit und ich bedauerte Oxana aufrichtig. Sie hatte – sorry, liebe aussterbende Tierarten – wahrlich Besseres verdient.

Ich wollte sie nicht fragen, wie sie nach Deutschland gekommen und an Marxer geraten war. Da sich hinter der hohen weißen Mauer indes nichts tat – nichts, was sich uns mitgeteilt hätte -, begann sie schließlich von sich aus zu erzählen.

Sie sei als Tochter einer deutschstämmigen Russin und eines Kasachen mitten in der weiten Steppe zur Welt gekommen, „konntest rüberspucken in die Mongolei, also der Bär hat da nicht gesteppt, wenn er im Winter in unserem Vorgarten erschienen ist und die Mülltonne geplündert hat. Mein Vater war so ein kleiner Provinzbeamter und meine Mutter hat nur Deutschland im Kopf gehabt, also ein Bild davon, und das war natürlich falsch. Wolgadeutsche, sagt dir das was? Die sind während des Krieges von Stalin zwangsumgesiedelt worden, nicht schön das.“

Oxana machte Abitur und begann ein Mathematikstudium, „Deutsch ist meine zweite Sprache, Muttersprache halt, und ey, meinst du, ich wollte mir einen kasachischen Viehzüchter anlachen und mit ihm über die Steppe zockeln? Jurte aufbauen, Jurte abbauen und so regelmäßig werfen wie die Kühe oder Pferde.“ Also Deutschland, „Katastrophe“, stöhnte Oxana, „ich hab als Putze gearbeitet, was praktisch meine Eintrittskarte in die Rotlichtbranche hätte sein können. Aber Mensch, dann lieber doch den russischen Oligarchen als hier reihenweise kaufmännische Angestellte mit Erektionsstörungen. Und außerdem: Männer sind uninteressant. Ich bin lesbisch.“

Ich muss gestehen, dass mich während Oxanas Erzählung ein gelinder Halbschlaf ergriffen hatte. Es war sehr warm, mein Bauch gefüllt, Oxanas Stimme tat das ihre. Das Bekenntnis ihrer sexuellen Preferenz weckte mich schlagartig, ich fuhr auf, sagte ziemlich dämlich „Ach ja“ und beeilte mich, meine Liberalität mit einem „Kommt vor“ zu beweisen. Oxana gähnte. „Jetzt bist du enttäuscht, gell? Sind alle Männer, Marxer war es auch. Ich bin das Objekt seiner Phantasie und wenigstens ist er schlau genug, nicht darauf zu spekulieren, seine Phantasien jemals in der Realität ausleben zu können. Sollen wir schnell ein bisschen Sex machen?“

Das Angebot kam irgendwie überraschend.

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