03.03.2011 -102-

Als Vermieter kann man heute den Leuten alles zumuten. Schwamm an den Wänden, Schimmel im Klo, zehn Monatsmieten Kaution, die du beim Auszug garantiert nicht mehr siehst, eines aber nicht mehr: eine Wohnung ohne Wlan. Wlan ist eine Steckdose in der Wand, Kabel rein und willkommen im Internet, Vorkenntnisse nicht vonnöten, nein, nur hinderlich, denn das Internet selbst wurde von intelligenten Idioten erfunden, um idiotische Intelligenz weltweit zu verbreiten.

Piazzamonte hatte die Audiodatei tatsächlich geschickt. Ich klickte sie an, hörte und war zufrieden, sie klang nicht genauso wie das Osterhasenoriginal, war aber als Kopie unverächtlich, ein ministrales Plagiat, könnte man sagen. Um an Lydia Gebhardts Telefonnummer zu gelangen, genügte wie schon vor Hunderten von Jahren das bekannte gelbe Buch. Einmal nur klingelte es, dann wurde abgehoben und auf tief Weiblich „hallo?“ gefragt. Ich aktivierte die Tondatei und so lauschten wir gemeinsam dem Osterhasen.

Er hatte kaum sein Sprüchlein aufgesagt, als es auch schon „Jetzt gehen Sie zu weit, Regitz!“ vom anderen Ende der Leitung zischte, „Lonig versteht überhaupt keinen Spaß, Sie sind tot, tot, tot.“ Aufgelegt.

Das also war meine geniale kleine Idee. Gebhardt und kriminellen Anhang etwas aufscheuchen, aus der Ruhe bringen, selber cool bleiben und die Fäden in der Hand halten, weiter hatte ich noch nicht gedacht, und das rächte sich. Jetzt war ich aufgescheucht und aus der Ruhe gebracht, cool nur der Schauer, der über meinen Rücken lief, auch hielt ich keine Fäden in der Hand, allenfalls eine Zündschnur. Regitz? Lonig? Ich beschloss, vorerst nicht weiter zu spekulieren, was ich da angerichtet hatte. Notierte mir die Adresse der Gebhardts – selbstverständlich im glamourösesten Viertel der Stadt, wo sogar die Gartenzwerge über einen Zweitwagen verfügen – sah mir zwecks Ablenkung ein paar hübsche Fotos der alten bretonischen Korsarenstadt St. Malo an, wo Regitz sich herumtrieb und nicht ahnte, in welche Kacke ich hin gerade hatte treten lassen. Eigentlich war er ja selber schuld. Der Gedanke gefiel mir ausnehmend gut, ich packte ihn in Watte und verbarrikadierte damit die Tür zu meinem schlechten Gewissen.

Bei Facebook, wo ich kurz vorbeischaute, waren mir inzwischen neun „Freunde“ zugelaufen, die eines gemeinsam hatten: Ich kannte sie nicht. Vier von ihnen waren Krimiautoren, die, weil ich mit Marxer „befreundet“ war, mich für einen einflussreichen Verleger oder Kritiker halten mochten und sogleich den letzten Output ihres Putouts bewarben, wobei sie mich mit Du ansprachen, wie es unter alten Freunden üblich ist. Zwei junge Frauen suchten offensichtlich Sponsoren, die nicht wussten, dass der Tarif für Triebabfuhr in öffentlichen Häusern deutlich günstiger ist als der in einer social community. Die beiden anderen sahen aus wie ehemalige Schulkollegen, die jetzt als Sachbearbeiter oder Kommunalpolitiker reüssierten. Namen und Gesichter sagten mir aber nichts.

Eine kurze Presseschau  noch. Die Lokalzeitung hatte den Mord an Habicht zu ihrem Aufmacher erkoren und wies vor allem auf den Umstand hin, dass der Doktor nicht alleine im Wagen gesessen haben konnte. Man suche drei Personen, die sich in auffälliger Weise und sehr hastig vom Tatort entfernt hätten, zwei Frauen mittleren Alters und einen deutlich älteren Mann wahrscheinlich slawischer Herkunft, was den Journalisten zu der Zwischenüberschrift „Russenmafia?“ inspiriert hatte.

Ich ging sogleich ins Badezimmer und betrachtete mein Gesicht im Spiegel. Deutlich älter mochte angehen, meine Wangenknochen tendierten bei gutem Willen ins slawisch Hohe. Gut beobachtet und dennoch völlig daneben. So lieben wir unsere Presse.

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