02.03.2011 -101-

Ich hinterließ Piazzamonte meine Emailadresse, die mir Hermine vor Monaten eingerichtet hatte. Post war dort noch nie angekommen, es hätte mich auch gewundert. Auf den Plätzen, in den Straßen fand ich entschieden zu viel von meinesgleichen vor. Wankende Menschen, mit denen ich Beinahezusammenstöße eben nur beinahe vermied und die ihre Verfehlungen fluchend auf mich abwälzten. „Pass doch auf, du Suffkopp!“ war noch das Höflichste und stammte aus dem Zahnbehälter einer mindestens 70jährigen mit Blumentopfhütchen.

Ich brauchte einen Laptop. So ein kleines, silbernes Ding schwebte mir vor (aber was schwebte gerade nicht in meinem Kopf?), also suchte ich ein Geschäft, welches genug davon besaß und nach ausdauerndem Zureden bereit sein würde, mir eines davon zu verkaufen. Ich fand es und war sofort von einer Rotte Verkäufer umzingelt, Opfer des eingebrochenen Nachweihnachtsgeschäfts. „Kann ich Ihnen helfen?“ Dass man, nicht mehr ganz nüchtern, manches doppelt sieht, war mir sehr geläufig. Dass man gleich vierfach hört, hingegen neu. Ich brachte ein mühsames „so’nen Lapi ey“ heraus, weil „Lapi“ praktisch juvenile Fachsprache ist und sogleich signalisiert, aha, der Opa hier ist kein Opfer, nein, der ist total hammer drauf. Ich wiederholte es dreimal, sicher ist sicher.

In diesem Moment ereignete sich, was sich immer ereignet, wenn ein weitgehend unzurechnungsfähiger Kopf seine Gedanken zu hüten versucht wie ein Bataillon Flöhe auf Speed: Er hat eine Eingebung, eine unerklärliche Lichterscheinung, eine Art Muttergottes beamt sich aus dem Chaos der disparaten Synapsen und spricht: „Hallo, ich offenbar dir jetzt was, okay?“

Der vierfach vorhandene Vertreter der Spezies Elektrodiscount-Verkäufer schleppte Laptops samt Zubehör an und fanterte von CPUs und AMD, von DDR-RAM und Skyping, von Roaming und Clouding, doch das alles durchquerte mein Gehirn so folgenlos wie früher die Infinitessimalrechnung, schleuderte haarscharf an der Muttergottesstatur vorbei ins Nirwana, und die helle Frau dort droben im Dschungel meiner altersgrauen Zellen sagte ganz ruhig und sehr lächelnd: „Wieso ist dir eigentlich nicht aufgefallen, dass Sonja Weber und ihr Doktor mit dem Transporter weggefahren sind? Wie sind sie zur Kathedrale gekommen? Sonja könnte gelaufen sein, aber der Doktor wohl kaum, oder? Wo ist das Auto, mit dem sie hingefahren sind, jetzt? Und wer hat sie vielleicht hingefahren und warum ist keine der Wirtsschwestern erschienen, um den Transporter abzuholen oder war doch eine da?“

Man muss sich das vorstellen. Von vier äußeren Seiten prasselten Fragen auf mich, ob ich eine Diebstahlsversicherung für meinen neuen Laptop wolle oder eine Datenrückholgarantie für 198 Euro und wie ich mir als erkennbarer Advanced-User das Multitasking-Handling einzurichten gedenke. Selbst vollständig nüchtern wäre ich nicht in der Lage gewesen, vernünftige Antworten zu geben, aber ich war verdammt noch mal nicht nüchtern und zudem quasselte eine komische Heilige da oben auch nichts weiter als Fragen, auf die ich keine Antworten fand.

Obwohl, das musste ich zugeben: Alle Fragen waren gerechtfertigt. Das Detektivbüro Moritz Klein, alle Angestellten inklusive, hatte einen wichtigen Umstand ganz einfach ignoriert und jetzt war es zu spät. Ich war ein miserabler Ermittler, so wie ich ein miserabler Käufer von Laptops sein musste, wenn ich in die grinsenden Visagen des Verkäuferpacks schaute, das dabei war, einem Deppen alles an Ladenhütern anzudrehen, was das Lager hergab. So ist das. Du wirst im Leben immer beschissen. Von jedem, glaubs nur, aber besonders von dir selbst. Ich war in einer Stimmung, wo ich am liebsten von all meinen irdischen Ämtern zurückgetreten wäre, um das Atmen mit sofortiger Wirkung einzustellen.

„Packen Sie alles ein, ich trags dann selber zur Kasse“, beendete ich schließlich das wirre Verkaufsgespräch und schaute beschämt zu Boden, der sich natürlich drehte. Nichts wie raus hier.

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