01.03.2011 -100-

Am Anfang eines jeglichen Rausches steht eine Schnapsidee. Dies mag ein weiser und wahrer Satz sein, aber er kann nicht ganz stimmen, denn sonst befände ich mich in einem permanenten Zustand vollkommenen Besoffenseins. Und mancher Schnapsidee folgt die Ernüchterung auf dem Fuß, da bleibt fürs Berauschen keine Zeit. Denken Sie nur an all die Leute, die aus der FAZ abschreiben und dann ihre Doktorarbeit draus bauen, so viele Vornamen kann einer gar nicht haben, als dass einem so etwas durchginge. Aber was rede ich da wieder für einen Unsinn. Genau: Ich wollte nur sagen, dass Gianluigi Piazzamonte nichts von italienischen Weinen hielt, dafür aber eine Menge von deutschem Büchsenbier und Unmengen davon zur Verfügung stellte, als er mir von Lothar erzählte, „der hätte unserem Silvio auch blutjunge Jungfrauen zugeführt, so einer war das.“

Gianluigi war hörbar in seinem Element. Jeder Schluck Bier, der mageneinwärts strömte, löste eine in die Gegenrichtung strebende Wanderbewegung von Wörtern aus, die schließlich, nur noch notdürftig durch Basisgrammatik miteinander verknüpft, als hyperventilierende Satzdarsteller über die Klippen der Lippen kippten, wenn ich das in meiner momentanen Unzurechnungsfähigkeit so formulieren darf. Dass ich nach Bierdose Nummer zehn auch eine Rede Thomas Manns höchstens noch als das Gelalle eines volltrunkenen Scheißeschippers ästimiert hätte, sei der Vollständigkeit halber erwähnt.

„Ich bestell mal zwei Pizzen, du bist der Kunde, du zahlst“. Sprach’s und tippte wildgeworden in die Tastatur seines Laptops. Es war Mittag und keine schlechte Idee. Er hatte mir von allerlei ausschweifenden Veranstaltungen berichtet, in denen der ungewöhnliche Gebrauch hochwertiger Lebensmittel wie Gurken, Bananen und, man stelle sich vor, Heringen eine gewisse Rolle spielte, alles Nachrichten aus zweiter Hand zwar, aber „ey, ich bin mit der Branche auf du und du, den Pornoköniginnen, verstehst?“ Sogenannte Gangbangs auf rotierenden Scheiben, Festmahle, bei denen nackte Frauen die Tische waren, „alles beste Gesellschaft, klar, und ich will Hans Meier heißen, wenn unser Lothar da nicht fleißig gefilmt und nachher ein kleines Erpresserzubrot verdient hat.“

„Schmeckt scheiße“, beurteilte ein kauender Piazzamonte die mit reichlicher Verspätung angelieferte Pizza, „und ach übrigens: Dein Busenfreund Marxer war auch ein Kunde vom Lothar, er hat die Fete zur 100. Folge seines Onlinekrimischmarrens von ihm ausrichten lassen.“

Das war eine interessante Neuigkeit, die mich zu zwei Prozent ernüchterte. „Onlinekrimi?“ „Jaaaa“, dehnte Gianluigi gelangweilt, „er veröffentlicht doch seit zwei Jahren den längsten Krimi der Welt im Internet, jeden Tag eine Seite. Die selbstverliebte Sau will ins Guinessbuch der Rekorde, aber schafft er nicht. Der Rekord steht auf 7.694 Folgen, irgend so ein Australier, glaub ich.“ „Und was ging da ab?“ Gianluigi lächelte süffisant (man könnte das Wort auch ohne die Umlaute auf dem o quasi als Neologismus noch einmal neu erfinden). „Gar nix. Er hat hundert Leserinnen und Leser eingeladen, gekommen sind drei, zwei davon irrtümlich, weil sie glaubten, es sei eine Party von Frank Schätzing. Gab Table Dance mit einem Mädchen, das über 30 Jahre Berufserfahrung verfügt, lauwarmen Kartoffelsalat mit kalten Wienern und eine 24-Stunden-Marathonlesung. Über zu beklagende Todesopfer ist nichts bekannt geworden.“

Ein Rausch, der mit einer Schnapsidee beginnt, endet unweigerlich mit zwei Aspirin, die Gianluigi mit erwarteter Routine aufgelöst in Mineralwasser servierte. „So“, sagte er, „trink das, damit du wieder nüchtern wirst. Ich machs erst später und les jetzt den Scheiß hier fertig, geht mit besoffenem Kopp eh besser als ohne. Wo soll ich dir die Datei hinschicken?“

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4 Antworten zu 01.03.2011 -100-

  1. Leanne schreibt:

    Hi lieber Autor, habe die Einladung zur Fete anläßlich der 100. Folge verlegt…. wann ging´s nochmal los?

  2. Bio schreibt:

    Und wo war die Fete noch mal? In die Großmuschelbacher Silbermine kriegste mich nicht rein 😉

    Nach 100 Tagen wird ja gerne ein erstes Resümee gezogen. Ich kann nur sagen: Weiter so! Und schön Obacht bei den Zitaten, gelle! Damit nicht auch du dein Amt niederlegen musst 😀

  3. Mistie schreibt:

    … a propos Fete … habe das was vom Saarland gehört (da gibt es auch viele stillgelegte Stollen)

  4. Dieter Paul Rudolph schreibt:

    Eure Feierlust bestürzt mich angesichts der Tragödie, die sich vor wenigen Stunden abgespielt hat. Wieder ein Arbeitsloser mehr! Wie will der in Zukunft alle seine elf Vornamen ernähren? Die Feier wurde deshalb auf Folge 1000 verschoben. Zünftig mit Christ-Stollen.

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