28.02.2011 -99-

„Kein Radfahrer wäscht Brot, wenn die Sonne im Kino Liegestütze macht oder der Hirsch nächtens gegen die Brandmauer pinkelt.“ Gianluigi Piazzamonte deklamierte den Satz wie er es in einer „Schneewittchen“-Aufführung getan hätte. „Das hat was. Absurdes Theater, Eugène Ionesco, mein großer Landsmann Dario Fo. Äh… ist das von dir? Dichten als letzte Chance für Hartz-IV-Empfänger?“

Ich ignorierte die dumme Bemerkung und fragte nur: „Wie viel?“ Was wiederum der Schauspieler für eine dumme Bemerkung zu halten schien und mit einem entsprechenden „Hä?“ beantwortete. „Ich möchte dich engagieren. Du sollst mir ein Band mit diesem Satz besprechen. Und zwar-„ „Ich hör immer Band“, unterbrach mich Piazzamonte, „willkommen im digitalen Zeitalter, teurer Einwohner von Neanderthal. Ne Datei kannst kriegen, macht nen Hunni und keinen Euro weniger.“ „20“ warf ich zurück. „Gebongt“, akzeptierte Gianluigi. „Und wie soll ich die Rolle anlegen? Eher so dramatisch wie im Wilhelm Tell oder naturalistisch wie bei Gerhart Hauptmann oder existentialistisch wie bei Sartre? Ich kanns auch lesen, als wärens die letzten Worte vor dem Orgasmus von Lady Gaga.“

„Nein, ich möchte, dass du es wie ein Plüschosterhase liest. So mit kieksender Blechstimme. Hast doch bestimmt drauf.“ Piazzamonte versuchte sich an einem misstrauischen Blinzeln, mit der bei jedem Casting durchgefallen wäre. „Was für ne Sauerei läuft hier eigentlich, mein Lieber? Plüschosterhase? Blech? Ich kenn ja viele Sauereien, aber die ist mir neu. Irgendwas mit Gangbang? Oder die Kinderschokoladennummer?“

„Die was?“ Der Schauspieler seufzte ein wenig zu theatralisch und schüttelte den Kopf. „Die Kinderschokoladennummer. Lutschen, bis das Weiße kommt. Nie gehört?“ Ich fühlte, wie mir schlecht wurde, riss mich zusammen und schaute zu, wie sich Piazzamonte räusperte und seine Finger an zahlreichen Knöpfen drehen ließ.

Sein erster Versuch, den blechernen Plüschosterhasen zu geben, klang so, als würde man Dieter Bohlen in einer rostigen Badewanne ertränken. Was zwar eine angenehme Vorstellung und gewiss ein Segen für die Menschheit wäre, meiner Vision aber nicht entsprach. Ich schüttelte den Kopf und befahl „noch einmal“. Eines musste man Gianluigi zugestehen: Er verstand es, sich in die Rolle hineinzusteigern. Wenn mich  nicht alles täuscht, heißt das in der Fachsprache „method acting“. Mache die Figur, die du darzustellen hast, zu einem Teil deiner Biografie, bemächtige dich ihrer, werde eins mit ihr. Und vergiss den ganzen Schmonses wieder, sobald du deine erste tragende Rolle in einer Nachmittagssoap bei ARD oder ZDF hast.

Der sechste Versuch kam dem Gewünschten schon sehr nahe. Ich glich Gianluigis Version mit dem Original in meinem Gedächtnis ab, monierte noch, das Blecherne klinge ein wenig zu sehr nach Zink oder Aluminium, Piazzamonte schloss die Augen und stieg in eine imaginäre Welt aus Blech, die er mit einigen Traumata aus frühkindlicher Zeit heraufbeschwor, um voll und ganz drin aufzugehen. Der siebte Versuch war perfekt und ich  nickte zufrieden.

„Du bist ein perverses Schwein“, stellte Piazzamonte fest und spülte sich das Blech mit Büchsenbier aus der Kehle. „Diesen Scheißsatz werde ich nie vergessen, er wird mich verfolgen und ich werde nicht wissen, was er bedeutet. Was bedeutet er?“

„Ist Hochliteratur, kann alles bedeuten, Interpretationssache. Stammt aus einem Krimi“, antwortete ich. „Hm“, machte Piazzamonte. „Dann frage ich einen Krimikritiker. Die Krimikritik ist übrigens der Orgasmus des kleinen Mannes, wusstest du das schon?“ Es war mir neu, ich nickte dennoch. Und fragte, ganz spontan: „Kennst du eigentlich diesen Lothar mit dem unaussprechlichen Nachnamen? Den Typen, der ermordet wurde, den mit der Eventfirma?“ Jetzt lachte Piazzamonte. „Kennen? Den kennt jeder. War ein Kunde von mir. So pervers wie der kannst du gar nicht werden.“

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