27.02.2011 -98-

Weihnachten war vorbei, und was der Einzelhandel noch nicht aus den Verbrauchern gequetscht hatte, würde er ihnen an Silvester aus den Rippen schneiden. Das im künstlichen Koma bezahlten Jahresresturlaubs verharrende Humankapital flanierte an den Geschäften vorbei, in deren Schaufenstern überdimensionale Sektflaschen für spritziges Vergnügen warben, Chinaböller und Tischfeuerwerk warteten ungeduldig auf die Gelegenheit, auch die letzten Erinnerungen an die messianische Geburt in Schall und Rauch aufzulösen. Wenn die Schweine schon nicht arbeiteten, sollten sie wenigstens verbrauchen.

Ich überlegte noch eine Weile, warum mir das Wort „Verbraucher“ schon immer das dummdeutscheste von allen gewesen war, aber es war nur ein Vorwand, an nichts anderes denken zu müssen. Meine kleine geniale Idee von gestern Abend war über Nacht zu einem läppischen Einfall geschrumpft, den selbst ein alkoholisches Delirium nicht gerechtfertigt hätte. Es spricht auch kaum für meine Intelligenz, dass ich just unterwegs war, diese völlig hirnrissige Idee wohlgemut zu verwirklichen. Geld würde es obendrein kosten.

Gianluigi Piazzamonte war ein Schauspieler, den erfolglos zu nennen geschmeichelt wäre. Erfolglos durfte sich nennen, wer in der „Schneewittchen“-Inszenierung des Stadttheaters den dritten Zwerg von links gab, Piazzamonte aber hatte es lediglich zum Ersatzmann für den dritten Zwerg von rechts gebracht. Wie meistens im Leben steckte hinter dieser Tragik ein simpler Umstand: Piazzamonte konnte nicht schauspielern, sein Gesicht ließ es nicht zu. Es ähnelte so sehr einem Pizzateig, dass der gute Gianluigi die Restaurants seiner italienischen Landsleute nur ungern aufsuchte, aus Angst, irrtümlich mit Käse überbacken zu werden.

Ein großes Talent indes besaß er: Er konnte Stimmen nachmachen. Nicht die von Prominenten, was ihn unweigerlich ins Fernsehen gebracht hätte, wo man händeringend einen Imitator von Silvio Berlusconi suchte, wie er „Sie sah nicht wie 17 aus, ich schwöre!“ jammerte, sondern die von ganz normalen Menschen jeglichen Geschlechts und Alters. Davon lebte der Mann nun, in einem Hinterhaus über einer Tanzschule hatte er sich ein kleines Tonstudio eingerichtet, wo er vor allem Pornofilme synchronisierte, seine Spezialität war weibliches Stöhnen kurz vor dem Höhepunkt.

Heute Morgen saß er mit Kopfhörer vor dem Mikrophon und las aus einem offensichtlich langweiligen Buch. Ich setzte mich vorsichtig, um ihn nicht zu stören, auf einen Stuhl in der Ecke und lauschte. Piazzamonte leierte den Text mit adäquater Schläfrigkeit ab, „… es empfiehlt sich also für einen Mann, sich eine Frau zum Weibe zu erwählen, welche zugleich intelligent und hübsch ist, denn nur schön ist ziemlich dumm und nur dumm macht eine Frau auch nicht unbedingt schöner. Sie soll uns erfreuen und dennoch wissen, wie sie eine Steuererklärung ausfüllt, im Bett eine Kanone und im Alltag ein pazifistisches Frauchen am Herd …“ Piazzamonte schickte einen italienischen Fluch ins Mikro, pfefferte das Taschenbuch auf den Boden und drehte sich zu mir um. „Lieber unterhalte ich mich mit dir, als diesen Scheiß zu lesen. Beides kommt zwar auf dasselbe raus, aber dich kann ich wenigstens rausschmeißen.“

Ich warf einen kurzen Blick auf den Buchtitel – „So ist es halt. Warum Männer intelligenter als Frauen sind“ – und nickte mitfühlend. „Kein Porno in Arbeit?“ fragte ich aus Höflichkeitsgründen. Gianluigi schnaufte. „Bist du gekommen, um dich aufzugeilen? Dann komm morgen wieder, ‚Feuchte Feger Teil 5’. Das da“ – er wies angewidert auf das Buch am Boden – „hab ich nur dazwischen geschoben. Irgend so ein Hörbuch von einem, der unbedingt in Talkshows will. Was willst du also hier?“

Ich zog den Zettel, den ich vor einer Stunde beschrieben hatte, aus der Tasche und las vor:

„Kein Radfahrer wäscht Brot, wenn die Sonne im Kino Liegestütze macht oder der Hirsch nächtens gegen die Brandmauer pinkelt.“

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