26.02.2011 -97-

Es war schon Nachmittag, als ich endlich die Tür meiner Wohnung hinter mir schloss, durchatmete und beinahe im selben Moment der Tasche gewahr wurde, die an meiner Rechten hing. Wir hatten sie über die Turbulenzen des Tages einfach vergessen, was mich ein wenig tröstete, so geldgierig waren wir also doch noch nicht, dass uns ein Batzen Bares mehr interessierte als ein Menschenleben und das Schicksal einer traumatisierten Frau. Dennoch wurde es Zeit nachzuschauen, ob Habicht sein letztes Versprechen gehalten und tatsächlich 10.000 Euro zwischen Borsigs und meine Klamotten gesteckt hatte.

Er hatte. Einhundert 100-Euro-Scheine im Briefumschlag, doch das stattliche Bündel ließ mich merkwürdig kalt. Einer plötzlichen Eingebung folgend, zählte ich 50 Lappen ab, steckte sie zurück in den Umschlag und versteckte diesen am einzigen Ort, den nie ein Mensch durchsuchen würde, eine Zigarrenkiste, auf der „Ideen und gute Ideen“ stand. Natürlich war sie leer, immer leer gewesen bis auf einen Notizzettel aus dem Jahre 2004, auf den ich „zukünftig Kleidung erst waschen und dann bügeln, nicht umgekehrt“ gekritzelt hatte.

Die andere Hälfte zerlegte ich in fünf kleine Häufchen a 1000, je eines war für Hermine, die Kinder, Borsig und mich gedacht, das letzte sollte Spesen vorbehalten sein. Als neuer Mitbürger in der digitalen sozialen Welt – Hermine hatte mich bei Facebook als „Sherlock Klein“ angemeldet – benötigte ich endlich einen Computer, 500 mussten reichen. Ich verstaute die Barschaft in meinem Geldbeutel – nie zuvor war ihm solche Mahlzeit zuteil geworden und ich wartete jeden Moment auf monetäres Rülpsen oder gar Erbrechen – und warf mich selbst vor den Fernseher, wo ich zwei Stunden lang auf die Regionalnachrichten wartete, die indes feiertagsbedingt ausblieben. Keine Nachrichten also über den spektakulären Mordfall bei der Kathedrale, dafür „Besinnliche Stunden bei selbstgemachtem Weihnachtsgebäck“, was sich als eine beinahe so große Schandtat entpuppte.

Vielleicht war ich eingeschlafen, vielleicht hatte ich nur gedöst, vielleicht hatten sich die Gedanken in meinem Kopf selbstständig gemacht und waren in die Welt hinausgezogen, vielleicht war die Welt wie ein Splitterregen in meine Gedanken eingefallen – wie auch immer, ich kam zu mir und wusste nicht mehr, wo ich war, wer ich war. Ich brauchte etliche Minuten, um mich zu orientieren, mich zu vergewissern, dass dies hier mein trautes Heim sein musste, das ich mit 10000 Euro teilte, Geld, das ich mir verdient hatte, nein, „verdient“, die Gänsefüßchen waren der Haken an der Sache. Ich fühlte mich beschissen. Ein völlig phantasieloser Detektiv, der in eine Reihe von Verbrechen geschlittert war, Glück gehabt hatte, na ja, Glück war wohl doch etwas anderes, aber mir fiel auf die Schnelle kein besseres Wort ein.

In einer Jugendstilvilla hockte gerade die Konkurrenz, ich hockte auf einem Kissen auf dem Boden und glotzte in die Nachwehen einer Sendung über „Weihnachtsschmuck aus dem Erzgebirge“, ich überlegte angestrengt, wie ich es anstellen sollte, endlich ein brillanter Detektiv zu werden, man bräuchte einen Clou, einen Bluff, eine kleine geniale Idee, das konnte doch nicht so schwer sein. Jeder Mensch hat irgend wann eine kleine geniale Idee und sei es die, Menschen nicht mehr fest anzustellen, sondern als Leiharbeiter zu mieten. Andere, wenn es sich um Frauen handelt, lassen sich die Brüste operieren und werden „Boxenluder“, wenn sie Männer sind, ritzen sie sich die Stirn mit einer Rasierklinge auf und werden „Literat“. Und ich? Hallo, kleine geniale Idee, würdest du bitte mal deinen Arsch hochheben und dich HIERHER schaffen? Ich warte, ein bisschen plötzlich, wenn ich bitten darf.

Und siehe da: Sie kam. Okay, sie war ziemlich mickrig und eventuell nicht ganz genial. Aber was hatte ich denn erwartet.

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