24.02.2011 -95-

Marxer war in seinem Element. Dieser billige Schmierenautor zog einen miesen Trick nach dem anderen aus seiner Werkzeugkiste, dozierte in ehrfürchtige Gesichter, nur um seine blödsinnige These zu untermauern, der Mordanschlag habe nicht Habicht, sondern Sonja Weber gegolten. Ganz im Vertrauen: Er hatte natürlich recht. Aber wer bin ich, mir vor versammelter Mannschaft ein Armutszeugnis auszustellen? Also hielt ich dagegen. Und erlitt grandios Schiffbruch.

„Na, das sollte einleuchten“, warf Marxer seinen besten Trumpf auf den Tisch, „wenn ich den Fahrer eines Wagens erschießen möchte, halte ich mich auf der linken Spur und der Beifahrer übernimmt den Job. Warum haben das die Täter nicht gemacht? Warum rechts? Weil sie Sonja erwischen wollten.“ Die Runde, mich ausgenommen, nickte überzeugt, ich wartete darauf, dass jemand einen Weihrauchschwenker organisieren würde, um diesem Gott der gnadenlosen deduktiven Logik damit zu huldigen.

Von Minute zu Minute verdüsterte sich meine Stimmung mehr, es war nicht mehr weit bis zur absoluten Schwärze, wenn das Gehirn nur noch auf Rache sinnt. Marxer kam immer heftiger auf Touren, drei Augenpaare hingen an seinen Lippen, nur Sonja Weber torkelte durch ihre eigene Zeitlupenwelt. „Das alles“, räsonierte der eitle Schreiberling nun, „hört sich nach einem handelsüblichen Whodunit eines mäßig begabten Autors an.“ – Womit er natürlich nicht sich selbst meinte, obwohl Oxana – und ich liebte sie dafür – sich ein Grinsen nicht verkneifen konnte. „Mit Elementen des gemeinen Thrillers, des schrecklichen deutschen Soziokrimis der 70er Jahre, ein wenig Schmuddelsex und einer misslungenen Referenz an die Agentenromane von Eric Ambler bis John le Carré gewürzt. Das macht über den Daumen einen etwa 250 Seiten dicken Roman, und wir befinden uns, ich schätze mal, aktuell auf Seite 164. Der Protagonist“ – Marxer sah mich mitleidig an – „weiß nicht mehr ein noch aus, gottlob durchlebt er nicht die aus dem Schwedenkrimi bekannten persönlichen Krisen, zweifelt nicht an der Sozialdemokratie oder wird von einer Angst vor plötzlicher Impotenz befallen. Na ja, jedenfalls nicht mehr als es bei Männern seines Alters üblich ist.“ Oxana kicherte, Hermine zog indigniert die Augenbrauen hoch, Borsig gab seinen mittelscharfen Senf – „Hört, hört!“ – dazu, ich stand kurz vorm Implodieren und krächzte mit einem kümmerlichen Rest scheiternder Ironie: „Hört sich so an, als könntest du den Fall lösen, ohne deinen Arsch vom Schreibtisch weg zu bewegen. Ganz wie bei Poe oder Rex Stouts Nero Wolfe.“

Gespannte Stille. „Hm“, machte Marxer, „könnte durchaus sein. Der Theoretiker braucht die Praxis nicht unbedingt, um einen Kriminalfall zu lösen. Wenngleich es natürlich nichts schadet, wenn man – wie etwa Dashiell Hammett oder mein geschätzter Kollege Norbert Horst – die Ermittlungsarbeit von Berufswegen kennt. Es geht auch andersrum, sozusagen. Erstaunlich viele Kriminalschriftsteller haben vor ihrer Karriere im Knast gesessen. Anne Perry hat gemeinsam mit einer Freundin deren Mutter ermordet, der große Edward Bunker war Berufsgangster, Peter Paul Zahl tummelte sich eine Zeitlang im deutschen Terrorismus, Jim Thompson und Chester Himes bezogen den Stoff für ihre Noirs aus eigener Anschauung von Zuchthäusern und Verbrechen schlechthin. Schweigen wir ganz von Friedrich Glauser, der in Erziehungsheimen, psychiatrischen Verwahranstalten und Zuchthäusern ein und aus ging.“

„Was Sie alles wissen!“, konnte Hermine nicht mehr an sich halten. „Wenn er alles weiß, dann soll ER doch den Fall klären!“ zischte ich. Marxer lächelte. „Ich habe eine bessere Idee. Du versuchst den Fall auf deine Art zu lösen und ich versuche es auf die meine. Bist du damit einverstanden?“

Ich nickte grimmig und wusste sofort, dass ich im Begriff war, einen schweren Fehler zu begehen.

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