22.02.2011 -93-

Der Hausherr, sagte Oxana mit nicht zu überhörender Geringschätzigkeit, tummele sich gerade bezwecks Inspiration in der Botanik. „Bringt eh nix, es gibt kein Viagra gegen intellektuelle Impotenz“. Wir betraten des armen Poeten eindrucksvolle Jugendstilvilla, Borsig und ich wurden sogleich mit der Zubereitung eines zweiten Frühstücks beauftragt, während sich die Damen, Sonja Weber in der Mitte, Richtung Badezimmer entfernten.

„Mann“, sagte Borsig, als wir allein waren, „die Russin passt genau in mein Beuteschema.“ „Sie ist Kasachin“, korrigierte ich. „Religion ist mir egal. Da bin ich tolerant.“ Wenn seine Kaffeekochkünste auf ähnlichem Niveau dümpelten, stand uns allen ein grauenvoller Genuss bevor. Ich schnitt Brot, suchte Butter, Marmelade, Käse, die Eingangstür knarrte gediegen.

„Was ist denn hier los?“ Marxer trug einen weiten Ledermantel und schwitzte. Wieder einer, der Inspiration mit Transpiration verwechselte. Da ich inzwischen ausreichend Erfahrung im Resümieren katastrophaler Nachrichten besaß, erklärte ich ihm die Lage. „Gut“, sagte Marxer, „ihr hättet auch früher kommen können, dann wäre mir der Spaziergang erspart geblieben. Ihr seid ja besser als jedes Brainstorming.“

Wir tranken von Borsigs gar nicht einmal so misslungenem Kaffee, aßen Käsebrote und warteten auf das Erscheinen der Damen. Die Gedanken in meinem Kopf waren dunkel, wieder kam mir der Zufall in den Sinn, Oxana damals bei „Beschriftungen aller Art“, Oxana jetzt am Ort des Verberchens. Und immer rein zufällig. Wenn ich denke, sieht man das. Und da es nicht so häufig vorkommt, fällt es anderen auf.

„Woran denkst du?“ fragte Marxer. „An seltsame Zufälle“, erklärte ich wahrheitsgemäß, denn leider sieht man auch, wenn ich lüge. „Nichts gegen den Zufall“, erklärte Marxer und tat so, als denke er nach (man sah es aber nicht und das machte mich schon wieder misstrauisch), „wir Kriminalschriftsteller leben vom Zufall. Alles im Leben ist Zufall. Denk nur an die Weiber. Du lernst eine kennen und warum lernst du sie kennen? Weil sie dir zufällig über den Weg läuft, zufällig in der selben Firma arbeitet oder du irrst dich zufällig in der Hoteltür und sie liegt im Bett und dann passierts und das alles nur, weil du besoffen bist, weil du zufällig einen alten Schulfreund getroffen hast, der zufällig in den falschen Zug gestiegen ist. Du verliebst dich. Schicksal? Ach was! Zufall!“

Borsig nickte eifrig. „Aber“, wandte er ein, „das Joch der Herrschaft des Kapitals ist davon ausgenommen. Es ist weder Schicksal noch Zufall, sondern Willkür und wird eines schönen Tages durch die Wut der Massen hinweggefegt werden. Das mit den Weibern ist aber korrekt, kann ich nur bestätigen.“

„Du hast interessante Freunde“, sagte Marxer zu mir und zu Borsig: „Sie sind Politologe?“ „Gewissermaßen“, sagte Borsig, „aber ich nehm Tabletten dagegen.“ „Brav“, lobte der Dichter, „solange es die Kasse bezahlt.“

Es entspann sich nun zwischen Marxer und Borsig ein hitziger Dialog über das Weltelend im Allgemeinen und den Kommunismus im Besonderen. Ich erwartete jeden Augenblick das Erscheinen von Gesine Lötzsch, der Vorsitzenden der Linkspartei, damit sie den Anwesenden Wesen, Werk und Wirkung des wahren Kommunismus erläutere, selbstverständlich unter Einbeziehung der Verbrechen des Stalinismus und des Maoismus, der SED und KpdSU, der Sandinisten und der Castro-Clique, mit einem Wort: Ich erwartete das Schlimmste. Unterdessen waren die Brote vertilgt, der Kaffee ausgetrunken, ich erhob mich seufzend und machte mich daran, für Nachschub zu sorgen, die Damen konnten nicht mehr lange ausbleiben und eines weiß ich bestimmt: Es ist kein Zufall, dass immer ich am Ende für alles den Kopf hinhalten muss, nein, das ist mein Schicksal und ich hasse es. Kaum hatte ich so gedacht, kamen die Damen aus dem Bad und Oxana sagte, an mich gerichtet: „Sag bloß, du machst jetzt erst zweites Frühstück. Schäm dich, fauler Bengel.“

 

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s