21.02.2011 -92-

Sie hätte heute Morgen nicht den hellbeigen Wollmantel anziehen sollen, sicher hing auch etwas in gedeckteren Farben in ihrem Kleiderschrank. Jetzt ließen sich die Blutspritzer leider nicht übersehen, nur die Hirnmasse wäre auf Schwarz noch dekorativer zur Geltung gekommen.

Ich sah an Sonja Weber vorbei, und es war wirklich nicht mehr als ein Augenblick. Dr. Habichts Kopf war auf das Lenkrad gesunken, aparte Schusswunde in der rechten Schläfe, kleinkalibrige Waffe für die Ästheten unter den Profikillern, schloss ich mit berufsmäßiger Schärfe, obwohl ich von Waffen, Profikillern und Ästhetik keinen Schimmer habe. Das Glas in der Beifahrertür von mäandernden Rissen durchzogen, der Rhein bei Rotterdam oder so, das Einschussloch. „Ich blute“, sagte Sonja Weber eher überrascht als schockiert.

Hermine reagierte schnell. Hier zeigte sich die Überlegenheit der Frau in Krisensituationen, sie zog Sonja Weber mit sich fort, Borsig und ich stolperten hinterher, weg von der Straße, in eine kleine Gasse. „Mantel aus“, befahl Hermine und half der lethargischen Sonja aus dem besudelten Stück, rollte es zusammen, drückte es Borsig in die unwilligen Arme. „Taschentuch.“ So sprechen Chirurgen bei einer Hirnoperation, Borsig winkte ab, solchen Luxus besaß er nicht, ich zog ein Päckchen Tempos aus der Jacke, wir gingen immer noch und im Gehen tupfte Hermine das Blut aus Sonja Webers Gesicht.

Beobachtete uns jemand? Ich sah mich nach allen Seiten um, doch es schien nicht so. In diesem Gässchen wohnten Menschen, wenn überhaupt, über den kleinen Geschäften im Erdgeschoss, es war eine schmale Gasse zudem, etwas abseits, kaum breit genug für ein Auto, das hier aber nicht fahren durfte.

Eins fuhr dennoch. Es kam mit erstaunlichem Tempo hinter uns her, breite Mittelklasse, wir versuchten zu rennen, Hermine schrie auf, Borsig grantelte einen weihnachtlichen Strauß ausgesuchter Flüche, ich entsann mich einer noch sehr lebendigen Nacht in Eis und Schnee, als mich nur ein beherzter Sprung vor dem Überrolltwerden gerettet hatte, aber hier war es so eng, dass man nirgendwo hin springen konnte. Nur Sonja Weber reagierte gar nicht, sie ließ alles mit sich geschehen, kleine Wunden von Glassplittern im Gesicht, aus denen es noch leicht blutete. Wir drängten uns an die Hauswand, das Auto wurde neben uns abgebremst, die Beifahrertür aufgestoßen und eine Stimme mit vielen rollenden R’s kommandierte: „Straße ist richtig ratteneng, rasch rein.“

Oxana, des Dichters Marxer linke und rechte Hand, ich sah im ersten Moment nur die schwarzen Strumpfhosen aus dem schwarzen Mini kommen, neben mir schnaufte Borsig, der das gleiche Bild vor Augen hatte, ein undifferenziertes „Oh meine Fresse“. Wieder so ein Zufall? Ich dachte mir ein langes „hm“, kletterte neben die Fahrerin, die anderen taten es mir nach und quetschten sich auf die Rückbank.

Sie habe alles mit angesehen, ein paar Autos weiter in der Schlange, erklärte Oxana und fuhr los. „Ich musste IHM alle spanischen Tageszeitungen am Bahnhof besorgen“ – sie wies auf das sogenannte Handschuhfach, aus dem es papieren quoll – „sein ‚Menschenfeinde’ ist ins Spanische übersetzt worden und jetzt wartet der Arsch wie ein Geier auf die ersten euphorischen Rezensionen.“ Sie lachte. „Sind aber keine drin, hab schon mal schnell nachgeguckt. Was ist denn genau passiert?“

Kurze Erklärung. „Und wer ist die Dame, Moritz?“ fragte Hermine von hinten, so wie Frauen fragen, die die Konkurrenz wittern. Wieder eine kurze Erklärung und ein nicht sehr überzeugtes „Ach so“.

„Wir fahren zu uns“, sagte Oxana, „das ist wohl im Moment das Beste. Niemand folgt. Und ich war mal Krankenschwester.“ Eine Frau mit vielen Talenten.

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Eine Antwort zu 21.02.2011 -92-

  1. Bio schreibt:

    >> Dr. Habichts Kopf war auf das Lenkrad gesunken, aparte Schusswunde in der rechten Schläfe….<< Hach, richtig getippt 😀

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