20.02.2011 -91-

Bevor die Tasche ihre Besitzer wechselte, fragte ich Habicht, welche Rolle denn Lydia Gebhardt und die Wirtsschwestern in dieser Farce spielten. Die sei nicht groß, wiegelte der Arzt ab. „Frau Gebhardt beerbt ihren Bruder, Helga und Monika sind Teilhaberinnen, Lothar lebte wohl auf ziemlich großem Fuß und brauchte frisches Geld. Was er dann mit frischem Fleisch verband oder umgekehrt.“ Der Doktor berichtete dies mit einem säuerlichen Gesichtsausdruck, als habe man ihn beim Abschreiben seiner Doktorarbeit erwischt. Mehr war nicht herauszubekommen und ich glaubte ihm sogar. Sonja Weber schwieg.

Sie verschwanden, ohne sich zu verabschieden. Wir blieben noch sitzen, so wie man es in Agentenfilmen tut. Auf der Empore rumpelte es und tatsächlich hieben unmusikalische Bestienfinger angeekelt Bach in die Orgel, bis alle Register vor Schmerzen schrieen. Das war der passende Soundtrack, fand ich, schräge Kirmesmusik am Ende einer verunglückten Geschichte. Ich wusste, dass mich das Schicksal Georg Webers nichts mehr anging, meine Klientin hatte mir gekündigt, ohne eine Wort, aber jedes Wort wäre eines zuviel gewesen. Ein wenig Geld war in die Kasse gekommen, schön so, und weil es so schön war, saßen wir jetzt nebeneinander, Hermine und ich, und fühlten uns schlecht.

Mir kamen all die ungestellten Fragen in den Sinn. Was wäre mit Borsig und mir passiert, hätten wir uns nicht selbst befreit? Wie akquirierte man die Kunden für die feingeistig groben Spektakel, Mundpropaganda oder schaltete man Anzeigen in einschlägigen Zeitschriften wie „Der geistvolle Kinderfreund“ oder „Literatur zum Anfassen“? Welche Veranstaltungen außer diesen posthumen Verunglimpfungen von Charles Dickens führte man noch im Programm? Aber ganz ehrlich: Ich war nicht mehr auf Antworten erpicht. Wir erhoben uns und drückten uns aus der Kirchenbank, das alte Mütterchen schnaufte im Off und Hermine fragte leise: „Wo sind wir da reingeraten, Moritz? Das ist doch kriminell!“

„Ach, meine Liebe, wahrscheinlich noch nicht einmal das. Höchstens ein Verstoß gegen das Jugendarbeitsschutzgesetz, eine läppische Ordnungswidrigkeit. Und auch das nicht einmal, wenn die Herrschaften einen guten Anwalt haben – ich nehme an, sie haben ganze Legionen davon -, der dem Gericht nachweist, es handele sich um eine kulturelle Veranstaltung zur Brauchtumspflege, dann gibt es sogar Steuererleichterungen. Ach ja, Ärger mit dem Finanzamt, die versteuern ja wohl nicht. Da hilft eine Selbstanzeige. Übrig bleibt nur schlechte Presse. Aber wen juckt die schon, die massiert man sich heutzutage mit etwas Pomade aus der Kopfhaut.“

„Trotzdem“, beharrte Hermine, „wie man nur in so etwas hineingeraten kann.“ „Du bist immer drin“, sagte ich, „wenn du dein Geld auf die Bank bringst und die Bank gibt es einer bolivianischen Erzmine als Kredit und die lässt Kinder schuften, die dann mit 18 aussehen wie ihre eigenen Großväter, wenn die nicht mit 25 verreckt wären. Also. Keine Chance.“ Hermine seufzte.

Es war schön draußen. Kalt, blauer Himmel, Borsig, an seiner Kippe ziehend, am Rande des Vorplatzes, „und?“, wir antworteten nicht und der kleine Mann mit der lustigen Mütze machte „hm“ und fragte nicht weiter, wir trotteten Richtung Innenstadt. Viel Verkehr, Feiertagsausflügler. Der Transporter stand in einer langen Schlange, die nur gelegentlich im Schritttempo vorwärts kam. Hinter der Ampel wurde es flüssiger, jetzt sprang sie auf Gelb. Der Transporter ruckte an, mittlere Fahrspur, rechts ein dunkelroter Mercedes, gleiche Höhe. Ein Geräusch wie von einer Fehlzündung? So ungefähr. Grün. Der Mercedes preschte schnell nach rechts um die Kurve, verschwand. Der Transporter bewegte sich nicht. Die ersten Idioten dahinter patschten auf die Hupe. Wir gingen auf dem Bürgersteig, kamen näher. Die Beifahrertür des Transporters wurde aufgestoßen und Sonja Weber taumelte uns blutüberlaufen entgegen.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s