18.02.2011 -89-

Diese Augen. In einem schlechten Roman würden sie „tut mir leid“ flehen, in einem guten mich mit Haut und Haar verschlingen, doch in diesem hier taten sie gar nichts, waren einfach da. Ich wartete darauf, dass irgendein Nichtskönner sich an der Orgel vergreifen und einen schiefen Johann Sebastian in die Tasten hauen würde, stattdessen aber brummte Dr. Habicht ein „So, hier sind wir“ in das grotesk hallende Haus des Herrn und ich löste meine Augen vorsichtig von denen Sonja Webers, sagte: „Tja, sieht so aus.“

Ich hasse es zu verhandeln. Gewerkschaftsführer wäre nicht gerade mein Traumjob, Politiker eh nicht, allein der Gedanke, unserer Arbeitsministerin gegenüber zu sitzen und um 2 Euro mehr für die Hartz IV-Empfänger zu feilschen, macht mich körperlich fertig, vom Seelischen reden wir gar nicht. Aber das hier musste sein. „Haben Sie unsere Sachen dabei?“ fragte ich. Dr. Habicht lächelte und bückte sich nach vorne, wo eine elegante Reisetasche zwischen seinen Füßen abgestellt war. „Alles dabei. Kleidung, Geld, Schlüssel, alles. Aber die Tasche gehört mir.“ „Vergessen Sie’s“, sagte ich so kurz wie brutal und Habicht stöhnte seine Resignation Richtung Altar. „Und Sie? Auch alles dabei?“ Jetzt musste ich lachen. Zog den USB-Stick aus der Jackentasche und wedelte damit vor Habichts Augen, derweil die Sonja Webers zu flackern schienen, ein Flackern der Angst, der Panik, was weiß denn ich.

„Aber das ist nicht genug“, meldete sich Hermine, „Sie sind uns auch ein paar Informationen schuldig, nicht wahr? Und wer ist überhaupt diese Frau und was hat sie mit der Sache zu tun?“

„Das ist Sonja Weber“, erklärte ich, „und was sie mit der Sache zu tun hat, interessiert mich auch.“ Schweigen. Habicht starrte stur nach vorne, wo das alte Mütterchen noch immer in der vorgeschriebenen Gebetshaltung verharrte und ihre Zeit im Fegefeuer durch fleißiges Repetieren bekannter christlicher Reime zu reduzieren gedachte. „Ja“, begann Sonja Weber, „Sie haben ein Recht darauf, endlich die Wahrheit zu erfahren.“ Habicht wollte ihr ins Wort fallen, doch sie brachte ihn mit einer energischen Handbewegung zum Schweigen, was mir sehr zu denken gab. Sie hatte hier die Hosen an und das überraschte mich doch.

„Ich habe, wie Sie ja wissen, in unserer Buchhandlung in Großmuschelbach gelernt, viel war nicht los, das können Sie sich denken. Also habe ich gelesen. Viel gelesen, alles was mir in die Finger kam, die englischen Romanciers des 18. und 19. Jahrhunderts vor allem, Thackeray, Defoe, Collins, Fielding, Dickens, noch mehr. Aber Sie können das Leben da draußen vergessen, wenn Sie lesen, Sie können es aber nicht verändern. Ich sah, wie der Ort immer mehr verelendete, wie die Menschen ihre Arbeit verloren und keine fanden, wie sie zu den Sozialämtern schlichen, wie ihre Kleidung immer schäbiger wurde und die Kinder immer fetter, weil sie nur noch Unmengen billiger Nahrung aßen. Irgend wann…“ Sie zögerte einen Moment – „irgend wann also lernte ich Lothar kennen. Er faszinierte mich, ich war jung, er hatte leichtes Spiel mit mir. Damals begann er, seine Eventagentur aufzubauen und träumte von dem Besonderen. Er sprach von ungewöhnlichen Locations und ich sagte eines Tages: Hey, wir haben eine stillgelegte Silbermine! Die sollte einmal ein Museum werden, was aber aus bestimmten Gründen nicht funktioniert hat. Wäre doch ein besonderer Ort, oder?“

Sie war weit weg in ihren Gedanken und verstummte. Dr. Habicht legte den Kopf nach hinten, schnaufte. „Jedenfalls“, sagte er, „weil ich in Großmuschelbach quasi so eine Art Autorität für alles Mögliche bin, kamen die beiden dann zu mir, um über die Silbermine zu reden und dass man damit Geld verdienen könnte, also auch die Bevölkerung. Arbeitsplätze halt. Sie ahnen nicht, wie oft man im Ort den alten Zeiten nachtrauerte, als die Mine noch ihre Leute ernährte. Wir redeten auch davon. Von den guten alten Zeiten. Als es noch Kinderarbeit gab. Und Sonja sagte, einfach so, das ist wie bei Charles Dickens gewesen, das Elend der Kinder. Und Lothar grübelte und dachte nach und plötzlich sagte er: Kinder, ich habe eine geile Idee.“

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