16.02.2011 -87-

Keine fünf Sekunden brauchte ich, um mit Jonas’ Büroklammer meine Wohnungstür zu öffnen. Grinste mich der gebogene Draht nicht unverschämt an? Jedenfalls schnippte ich ihn in die überschaubare Landschaft meines trauten Heimes, bereute es sofort und begab mich auf die Suche, natürlich erfolglos. Ein neues Schloss musste angeschafft werden, dazu endlich ein Bett, sauberes Geschirr, am besten ein komplett neues Ich. Die 5000 rannen mir nur so durch die Finger.

Im Schrank fand sich noch ein Rest Reis. Den verteilte ich auf dem Boden zwischen Wohnungstür und Luftmatratze. Soll sicherer sein als jede Alarmanlage, man hört das Knirschen und Zermalmtwerden der Körner unter den Füßen nächtlicher Besucher mit unlauteren Absichten, allerdings fragte ich mich, ob es wirklich zu empfehlen sei zu wissen, dass man in fünf Sekunden eine Leiche ist oder es doch vorzuziehen, unfriedlich im Schlaf zu sterben. Egal. Ich besaß sowieso keinen Besen, um die Schweinerei wieder zu entfernen.

Sonja Weber. Anrufen. Sie hob nicht ab. Draußen schneite es, der Wind tobte aus seinem Versteck und tändelte mit den Flocken, trieb es immer wilder, warf sie gegen die Fensterscheibe, heulte, lachte, heulte, lachte. Immer noch „tut tut“, wo war sie nur? Es war Feiertag, sie kannte hier niemanden, es stürmte, es schneite, ich begann mir Sorgen zu machen, sicherlich ohne Grund, ich legte auf – und das Telefon klingelte.

„Hallo“, sagte Sonja Weber, „ich wollte Ihnen nur schöne Feiertage wünschen.“ „Danke ebenfalls“, antwortete ich. „Ich bin zu Hause und hab’s mir gemütlich gemacht. Sie auch?“ Sie zögerte eine Sekunde zu lang, bevor sie „Ja“ sagte. „Ich kenne doch hier niemanden und draußen ist eh kein Wetter als dass man spazieren gehen könnte.“

Jemand flüsterte im Hintergrund, sofort räusperte sich Sonja Weber, um es zu übertönen. „Gibt es etwas Neues? Aber nein, Sie genießen die Feiertage und das ist auch gut so.“ Warum rief sie dann an, wenn sie wusste, dass es nichts Neues gab? Sollte ich mir den grausamen Spaß erlauben, ihr von meinem Besuch in Großmuschelbach zu erzählen? Oder wusste sie am Ende schon davon? Sie hielt sich nicht in ihrer Wohnung auf, das stand fest, vielleicht war sie in der alten Heimat, im Häuschen von Dr. Habicht, bei dem alle Fäden zusammenliefen, und er hatte sie aufgefordert, anzurufen, „klopf mal ein bisschen auf den Busch, frag ihn aus“, aber sie schwieg.

„Ich habe eine Spur, aber ich möchte noch nicht drüber reden“, sagte ich, „es ist möglicherweise eine falsche Spur. Können wir uns nach den Feiertagen treffen?“ „Ja“, kam es ohne Zögern, „Sie wissen, dass ich nach Weihnachten in der Buchhandlung anfange, es wäre mir also der frühe Abend recht. Wo wollen wir uns treffen?“ Bei ihr, sagte ich.

Sie wünschte mir schöne Restfeiertage, ich ihr auch, sie legte auf, ich legte auf. Immer wenn ich nicht nachdenken will, schalte ich den Fernseher an. Also schaltete ich den Fernseher an. Die ewigen alten Weihnachtsschinken, Knabenchöre als Kastratenersatz, Werbung für Urlaub in Ägypten und Monatsbinden mit Zitronengeschmack, ein NATO-Generalsekretär, der vor Einsparungen in den Verteidigungshaushalten warnte, junge Frauen, die man dazu zwang, beim Skilanglauf auf Scheiben zu schießen.

Immer wenn ich die Welt nicht mehr ertragen kann, schalte ich den Fernseher aus. Also schaltete ich den Fernseher aus. Nichts wusste ich. Noch eine Komplikation und noch eine. Alles hing mit allem zusammen, okay, so weit war ich schon gewesen, aber ich kam nicht drüber weg. In stillgelegten Silberminen sagte ein Bataillon Osterhasen „Merry X-Mas“ und zerlumpte Kinder leerten Champagnerkelche. Ein Mann lag mit zerschlagener Visage in seiner Wohnung, eine Frau hockte nicht in ihrer Wohnung und telefonierte sinnlos.

Ich war, während ich so dachte, auf und ab gelaufen, an den Unterseiten meiner Socken klebten Reiskörner und piesackten die Fußsohlen. Und ich hatte nichts davon mitgekriegt. Die Alarmanlage war ein Rohrkrepierer.

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2 Antworten zu 16.02.2011 -87-

  1. Bio schreibt:

    So ein angekündigter Mord erzeugt schon Spannung. Wen wird es treffen?
    Ähm, richtige Krimiautoren machen das ja auch manchmal, aber meist recht plump. So im Tenor: Hans-Willy plante, das direkt nach dem Frühstück zu erledigen; er sollte aber die Nacht nicht überleben. 😀

  2. Dieter Paul Rudolph schreibt:

    Äh, lieber Bio, vergiss bitte nicht: Auch DU bist eine Figur in diesem Roman. „Der Mann hat 30 Dioxin-Eier gegessen“, stellte Kommissar Zufall fest, „das überlebt der stärkste Magen nicht. Irgendjemand muss ihn dazu gezwungen haben.“ Könnte also sein…

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