15.02.2011 -86-

Erster Weihnachtstag. Punkt vierzehn Uhr versammelte sich das Personal der Privatdetektei Moritz Klein, Ermittlungen und praktische Anwendungen der Chaostheorie, um den Frühstückstisch. Arbeitsessen. Die Auszubildenden Jonas und Laura wurden von den letzten Ereignissen in Kenntnis gesetzt und staunten nicht schlecht („cool!“). Neuerwerbung Borsig monierte die Qualität des Frühstückseis („das sollen viereinhalb Minuten sein?“) und erhielt eine hermineutische Abmahnung.

Es gab aufgebackene Brötchen mit selbstgemachter Marmelade und einen beim Verzehr zerkauten Bericht von Jonas, der von „royal flushs“ und „streets“ handelte, von Laura mit wohlgesetzten „cool!“s in Sinneinheiten gegliedert und mit der Information gekrönt, er, Jonas, habe im Vorbeigehen erfahren, man nenne in der gehobenen Gesellschaft jene Events der Firma „Delikatess-Express“ auch „die 1500-Euro-Events“, „weil so viel musst blechen, wenn du da mitmachen willst, Sexorgien gehen extra.“ Borsig spuckte einen Schwarm Krümel auf seinen Teller zurück. „Dann wären dann bei 18 Personen – äh, Moment …“ „27000 Euro“, spielte ich den Taschenrechner. „Oh leck“, sagte Borsig, „mein Gott“, Hermine, „tja“, Jonas und, wir trauten unseren Ohren nicht, „cool!“ Laura.

„Dann sahnen wir genau die Hälfte ab“, schlug Borsig vor, „das wären also – äh, Moment…“ „13.500“, half Hermine aus, mit skeptischer Denkerstirn allerdings. „Obwohl das ja nicht richtig ist, wisst ihr doch.“ Wir wussten es. Ich vertilgte das dritte Brötchen und sagte, eine Rede vorbereitend, schon mal „hm“. Meine Mitesserinnen und Mitesser verstummten. „Ich würde vorschlagen, wir treffen die andere Seite erst mal und treten nach Faktenlage in die Verhandlungen ein. Ergebnisoffen.“

Ergebnisoffen. Das klang wie: Keine Ahnung, was dabei rauskommt, und das klang nicht schlecht. „Egal“, sagte Borsig und meldete seine Ansprüche an: „Aber ich krieg ein Drittel.“ Hermine lachte, wie nur eine Frau lachen kann, die sämtliche Trümpfe in der Hand hat. „Pass auf, Kleiner. Die Fotos habe ICH. Die Informationen hat Moritz, also gewissermaßen auch ich. Du bist hier auf Probe, ein Praktikant, kann man sagen. 2000 Maximum und dann kannst springen.“ Borsig nickte. „Sag ich doch. Ein Drittel.“ Wir rühmten in Gedanken Borsigs Mathelehrer. „5000 jeweils für Moritz und mich, 2 Mille für dich und 1500 für Jonas und Laura. Auf ein Sperrkonto.“ Jonas holte empört Luft, sagte dann aber doch nichts, Laura verkniff sich ein „cool!“ und wischte sich mit der Serviette das Frühstücksei von der Zahnspange.

Dr. Habichts Telefonnummer stand im Branchenverzeichnis. Es klingelte dreimal, viermal, dann wurde abgenommen, ein knappes „Ja“ durch die Leitung geschickt. „Tag, Doktorchen“, sagte ich mit meiner lässigsten Stimme, „ich rufe nicht aus dem Bergwerk an, das wissen Sie bestimmt. Sie haben etwas von uns, wir etwas von Ihnen. Tauschen?“

Er überlegte und sagte wieder ein knappes „Ja“ und ein genauso knappes „Wo“. „Neutraler Ort“, schlug ich vor, „die Kathedrale, Morgen früh um 9.“ Er variierte sein Ja: „Ok.“ „Jede Seite höchstens zwei Personen.“ „Bringen Sie das Auto mit“, kam es mit Befehlsstimme, „kann sein“, antwortete ich. „Und Sie unsere Klamotten und alles andere.“ Er legte auf.

„Hast du gut gemacht“, lobte Hermine, „aber warum ausgerechnet in der Kathedrale? Die heizen doch nicht.“ Ich lächelte. „Das finde ich gerade sehr stilvoll und, hm, wenn ich so sagen darf: passt zu Charles Dickens.“ Aber ich war hier der einzige mit einem gesunden literarischen Halbwissen, die anderen verstanden kein Wort, nur Laura sagte, was sie immer sagte und sie hatte recht. Ich war dabei, ein cooler Typ zu werden.

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Eine Antwort zu 15.02.2011 -86-

  1. Mistie schreibt:

    „Cool and the Gang“ passender Name … wenn’s den nur nicht schon geben würde

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