14.02.2011 -85-

Ich kann allen um die eigene Sittlichkeit und die anderer Leute besorgten Leserinnen und Lesern versichern, dass die folgende Nacht sich völlig sexfrei in den Morgen schleppte, obwohl ich sie in Hermines Bett verbrachte. Borsig war gegen Zwei nach Hause gefahren, nicht ohne die Androhung, am nächsten Tag pünktlich zum Mittagessen wieder auf der Matte zu stehen. Jonas hatte sich nicht blicken lassen, das weihnachtliche Pokerturnier schien sich hinzuziehen. So lagen Hermine und ich nebeneinander und sinnierten. Hermine über Moral und Amoral von Erpressung, ich über eine andere Frau. Sonja Weber.

„Schläfst du schon?“ fragte meine Nachbarin und zog mich zärtlich am Ohr, damit ich bloß nicht mit „Ja“ antworten würde. „Nein“, antwortete ich. „Du?“ Sie ging auf den kleinen Scherz nicht ein und seufzte: „Ich mach mir Gedanken. Das ist doch nicht in Ordnung, was wir vorhaben, oder? Ich meine: Erpressung und so. Und dass wir damit einverstanden sind, wenn diese Schweine weiterhin die Kinder schuften lassen und diese Erniedrigung und diese dreckigen Leute mit dem vielen Geld und überhaupt, also ich komm damit nicht klar. Du etwa?“

Was sollte ich antworten? Dass ich nicht daran glaubte, die Welt würde besser, nur wenn man selbst ein besserer Mensch ist? Ganz zu schweigen von der drohenden Fälligkeit der nächsten Miete, Wasser- und Stromrechnungen, dem munter steigenden Ölpreis und der Spekulation um Nahrungsmittel. „Denk mal an die Leute in Großmuschelbach“, sagte ich leise, „von was sollen die leben, wenn sie nicht mehr ihre Show vorführen können? Die haben eine Marktlücke entdeckt. Spielen die armen Leute für die reichen Leute, das heißt, spielen müssen sie das gar nicht. Willst du die alle in Hartz IV schicken? Oder in irgend welche Billigjobs? Ich hoffe doch, sie lassen sich anständig bezahlen. Obwohl wieder einmal die Großkopfeten den Reibach machen, dieser Dr. Habicht und die Zwillinge und – vielleicht auch Sonja Weber.“

Sonja. Sie stand vor mir in dieser Nacht,  nein, saß vor mir. Eine vollendete Schauspielerin, die mich die ganze Zeit belogen hatte, obwohl – hatte ich ihr jemals geglaubt? Gut, das Dumme ist, ich glaube niemals jemanden, am wenigsten mir, und was ich zu Hermine gesagt hatte, war richtig und falsch und wahrhaftig und gelogen, das wusste ich auch. „Ja“, sagte Hermine jetzt, „es ist nicht leicht. Aber ich denke an die Kinder. Die sollten in vernünftige Schulen gehen und was Anständiges lernen und dann beizeiten raus aus diesem schrecklichen Kaff. Wir sind so selbstsüchtig, findest du nicht?“

Ich dachte an Hermine hinter der Aldi-Kasse, ich dachte an mich im Büro des Arbeitsamtes, Zweigstelle für Handlangerjobs, und antwortete: „Ja, das sind wir. Aber lass mich nachdenken, vielleicht fällt mir etwas ein. Eine Win-Win-Situation, verstehst du? Das sagen die Manager, wenn sie jemanden gleich zweimal übern Tisch ziehen. Ich rufe morgen bei diesem Habicht an und dann sehen wir weiter. Außerdem geht es nicht nur ums Geld. Wir brauchen Informationen und müssen den Leuten die Hölle heiß machen.“

Wir schliefen nur wenig in dieser Nacht. Gegen Morgen machte sich wer an der Tür zu schaffen, es waren Jonas und sein Zahnspangenmädchen, beide mussten tüchtig geladen haben, denn Laura schrie plötzlich so laut „cool!“, dass wir fast aus dem Bett gefallen wären und Jonas schrie noch lauter „Welcher Arsch war an meinem Kleiderschrank?“ Dann öffnete er die Tür zum mütterlichen Schlafzimmer, ein Blick genügte ihm, „die 20 Affen schenk ich dir diesmal, weil Weihnachten ist, außerdem hab ich heute 100 gewonnen“, schloss die Tür und rumpelte in die eigenen vier Wände.

„Hm“, sagte Hermine. „Wenn du schon 20 Euro sparst, könnten wir doch…“ Ich blinzelte durch die Ritzen des Rolladens, es war wohl keine Nacht mehr. Und einen sexfreien helllichten Tag habe ich meinen Leserinnen und Lesern nicht versprochen, oder?

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s