13.02.2011 -84-

Nachdem der leckere Nachtisch verzehrt war und auch Hermine ihr Abenteuer erzählt hatte, saßen wir eine Weile schweigend zusammen, bis Borsig die Stille nicht mehr aushielt und sie mit einem lapidaren „Ihr seid Privatdetektive“ hinaus in die Weihnachtsnacht jagte. Hermine nickte, ich nickte, Borsig nickte. „Immerhin keine Bullen“, sagte er dann und „Um was geht’s denn?“ Das war die Preisfrage.

Alles konnte eine einzige Geschichte sein, jeder schien jeden zu kennen. Frau Gebhardt und ihr windiger Begatter Honig hatten Stress mit Unbekannt wegen eines in Rätseln vor sich hin babbelnden Osterhasen. Lothar, der Bruder der Gebhardt, war ermordet worden, seine Event- und Cateringklitsche führten indes die Wirtszwillinge Helga und Monika munter weiter, ganz Großmuschelbach schien involviert, die Gebhardt kannte Dr. Habicht, der wiederum kannte Sonja und Georg Weber, dieser blieb verschwunden und jene mutierte zu einem immer größeren Fragezeichen.

„Pervers“, stellte Borsig sachlich richtig fest, „ich meine diese sogenannte Weihnachtsparty.“ „Charles-Dickens-Weihnachtsparty“, präzisierte Hermine. „Ich stell mal den PC an und google, wer das war, dieser Charles Dickens, bestimmt auch so eine Drecksau.“

Ich sagte es ihr, auch ohne Internet. Sie brummte nur „Scheiße“. „Das heißt“, reimte sich Borsig zusammen, „diese Reichen feiern Weihnachten wie in der vorindustriellen Zeit und geilen sich an Kinderarbeit auf und das Ganze soll dann auch noch literarisch und hoch gebildet sein. Na, wie find ich denn das.“ „Und ein ganzes verfluchtes Dorf lebt davon“, sagte ich. „Das ist doch strafbar, oder?“ meldete sich Hermine zu Wort. „Tja, erst mal beweisen“, gab Borsig zu bedenken. „Ich hab doch die Handyfotos“, trumpfte Hermine auf.

Borsig hüpfte wie ein Gummiball vom Sofa auf die Füße. „Fotos? Du hast Fotos?“ Ich hatte keine Zeit mich zu wundern, warum er Hermine auf einmal duzte und die mit „Logo, du kleiner Springteufel“ dieses Du annahm. Hermine hatte den ganzen Zinnober fotografiert und schon saßen wir um den mürrisch seinen Job ausübenden PC. Hermine suchte das Verbindungskabel und fand es endlich.

„Den kenn ich!“ rief Borsig und zeigte auf einen Typen mit Backenbart. „Olaf Tassel, der hat hier den Arbeitgeberverband unter sich. Macht irgendwas mit Stahl.“ Er blieb nicht der einzige, den Borsig identifizieren konnte, eine wirklich saubere bessere Gesellschaft. „Die sind geliefert!“ jubelte die Speerspitze des örtlichen Proletariats, „wenn wir das dem SPIEGEL stecken oder wenigstens dem FOCUS…“ „Vergiss es“, wandte ich ein, „der SPIEGEL druckt nur noch Hitlerstories und der FOCUS veröffentlicht als Mitteilungsblatt der Analphabeten nur die Bilder. Und sag jetzt bitte nicht Fernsehen, sonst lach ich mich weg.“

Ich lachte aber nicht. Mir fiel plötzlich ein, dass man mir bis auf eine entbehrliche Unterhose alles geraubt hatte, Oberbekleidung, Schuhe, Geldbeutel mit Ausweis, Hausschlüssel. Ich würde mir Jonas’ Büroklammer ausborgen müssen, um in meine Wohnung zu gelangen. Borsig war es nicht besser ergangen.

„Vielleicht“, sinnierte ich, „gibt es eine andere Möglichkeit. Treffen mit dem Feind auf neutralem Boden und Austausch. Unsere Sachen plus Informationen gegen die Fotos.“ Hermine zögerte. Borsig bekam ein hinterhältiges Grinsen in die Fresse und sagte: Genau. Für die das Fotozeugs und uns die Sachen und Infos – und ein paar große Scheinchen obendrauf. Trifft ja keine Armen.“ Ein Bombenargument, „alternativlos“, würde unsere Bundeskanzlerin jetzt sagen.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s