09.02.2011 -80-

Ich erwachte. Und hatte sofort das im Kopf, was ich sonst selbst dann nicht habe, wenn ich hellwach bin: einen klaren Gedanken. Er lautete: Scheiße – und sollte, wie mir schnell klar wurde, zutreffen.

Es war dunkel und irgendwo tropfte ein Wasserhahn. Nein, zwei. Drei? Ich lag auf etwas, das mich wie Stroh piekste, so sehr, dass es sich schließlich nicht mehr ignorieren ließ, wie meine Bekleidung auf die Unterhose dezimiert worden war, meine älteste auch noch. Nur einen Moment lang tröstete mich die Vorstellung, in der Gewalt von Angelina Jolie zu sein, die all ihre geheimen sexuellen Wünsche, von denen ihr Langweilergatte Brad nichts wissen durfte, an mir ausprobierte. Ich rief „Hallo“ in die Schwärze und nur das Echo antwortete mir.

Fels. Ich tastete mich an der Wand entlang, ich streckte meine Arme zur Decke, aber erreichte sie nicht. Was spielen wir hier, Freunde? Den Mann mit der eisernen Maske? – Ich trug keine. Den Graf von Monte Christo? Ich war weder adlig noch Verteidigungsminister. Casanovas Flucht aus den Bleikammern von Venedig? Mein Frauenverschleiß ist völlig uncasanovesk. Obwohl es nicht kalt war, was mich überraschte, begann ich zu frösteln. Weitertasten, versuchen, den Raum, der mich gefangen nahm, zu erkunden. Irgendwo musste es einen Ausgang geben, bingo, es gab einen. Aus rostigem Eisen, wie ich an einem Finger abschmeckte, oder vielleicht war es Blut, das schmeckt so ähnlich. Sollte ich noch einmal „Hallo“ rufen? Es würde nichts schaden, hoffte ich und rief „Hallo“, wieder antwortete nur das Echo, merkwürdigerweise mit „Halts Maul, du Spast, hier hört dich keiner.“

Die Stimme kam von jenseits der Tür und sie kam noch etwas, mir nämlich bekannt vor. „Wer ist da?“ Die Stimme ließ einen tiefen Seufzer hören und ein resigniertes „Borsig, Kumpel. So hört man sich wieder.“ Ich nahm mir nicht die Zeit, überrascht zu sein, sondern fragte: „Irgend eine Idee, wie man die Tür hier aufkriegt?“ Abermaliger tiefer Seufzer. „Klar, ich muss meinen Arsch hochkriegen und den Riegel aufschieben. Aber glaub nicht, damit hätten wir alle Probleme gelöst.“

„Warum nicht?“ fragte ich naiv. Und Borsig – dritter tiefer Seufzer – antwortete: „Weil hier auch eine Tür mit Riegel ist, du Bonzo, aber leider keiner, der ihn wegschiebt.“ Ich glaubte zu hören, dass Borsig dabei war, das zu tun, was er „den Arsch hochkriegen“ genannt hatte. Und tatsächlich wurde die Tür unter Fluchen entriegelt, öffnete sich und ich stand Borsig gegenüber, Unterhosenmann Nummer Zwei. Starrte auf seine grinsende Fresse und die das Haupt akkurat krönende Schalkemütze. Sein Gefängnis wurde immerhin von einer matten Glühbirne erleuchtet, was wieder einmal bestätigte, dass ich selbst als Gefangener immer die Arschkarte ziehe. Dass Borsigs Unterhose noch zerschlissener war als meine, machte die Sache kaum besser.

Ich war, es sei eingestanden, sauer. Dr. Habicht musste mich betäubt, gemeinsam mit seinen Großmuschelbacher Helfershelfern in dieses Felsloch verbracht haben, wo mich Borsig in Empfang nahm, offensichtlich ebenso eingesperrt wie ich selbst. Ich packte den Burschen am Kragen, der in Ermangelung eines solchen ein dünner Hals war. Borsig japste. „Pass auf“, sagte ich, „mir fehlt einfach die Geduld zur Diplomatie. Erzähl mir, wie du hierher kommst, lüge nicht, sonst drück ich zu.“

Borsig machte ein Zeichen, er zeigte auf seinen Hals. Ich lockerte meinen Griff ein wenig. „Ja“, gurgelte er los, „ich sag alles, aber wenn du mich nicht los lässt, krieg ich eh kein Wort raus und kann nicht lügen und du nicht zudrücken, aber tot bin ich dann trotzdem.“ Die Logik seiner Worte hatte etwas unwiderstehlich Bizarres und leuchtete mir auf der Stelle ein. Ich stieß Borsig auf sein Strohlager zurück. „Dann mal hübsch schön von vorne geplappert. Warum bist du hier?“

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