06.02.2011 -77-

Auf einmal stehen diese zerlumpten Kinder mit den Fackeln neben uns, Jungs wie Mädchen, ganz schmutzig die Gesichter. Der Backenbärtige quatscht munter weiter, ich versteh nur die Hälfte der Wörter und ihren Sinn überhaupt nicht, „das Faszinosum des Pauperismus“, „genetisches Stahlbad unserer psychisch entgrenzten Vorfahren“, haben wohl alle studiert hier, hören zu als säßen sie in Kirchenbänken, und als Backenbart fertig ist, wird geklatscht und „genau so isses, wird man ja wohl noch sagen dürfen!“ gerufen.

Helga beugt sich zu einem der Jungs runter und flüstert ihm was ins Ohr. Der Junge nickt und setzt sich in Bewegung, die anderen folgen ihm, sie trippeln um die Tische rum auf einen schmalen Ausgang zu, der mir bis eben gar nicht aufgefallen war. „Meine verehrten Herrschaften“, sagt Monika wie eine Animateurin auf Gran Canaria, „würden Sie bitte unseren jungen Freunden folgen – es ist Bescherungszeit!“ Bescherungszeit. „Ah! Oh!“ Und wir? „Wir können uns das auch angucken“, tuschelt mich Herr Rührlein von der Seite an, „das mit dem Hauptgang dauert ja noch ne Weile.“ Und schon hängen wir am Schwanz der Schlange und verschwinden mit ihr im Stollen.

Mich fröstelt ein wenig, obwohl es hier erstaunlich warm ist. Es geht leicht bergab und die Leute sind ruhig und das Licht huscht über die Wände und man hört die Schritte und vor uns tut sich der Fels mächtig auf, eine richtige Kathedrale betreten wir, alle machen wieder „oh!“ und „ah!“. Backenbart räuspert sich.

„Leider“, beginnt er, „dauert es noch eine Weile, bis ein original Silberflöz geöffnet werden kann. 60 Zentimeter breit wie hoch, da konnte sich ein Kind gerade so durchzwängen, Erwachsene chancenlos, es wurde dort bullenheiß, meine Damen und Herren, richtig tropisch, manchmal ging es 100 Meter oder mehr in den Berg rein und nicht selten nicht mehr raus, weil die Streben das nicht aushielten. Mit Hacke und Ausrüstung und allem, das planen wir also, ein richtiges Flöz und eine Seite verglast, damit man von außen schön zugucken kann und wir engagieren gerne einen Schauspieler, der uns dabei Charles Dickens vorliest. Na ja, hoffentlich nächste Weihnachten. Jetzt werden die Kinder halt hier arbeiten müssen wir vor 150 Jahren.“ Er zeigt auf einen großen Häufen Schutt und Geröll inmitten der Kathedrale, fünf, sechs Meter hoch mindestens und sieht aus wie das Hünengrab im Museumsdorf, da war ich mal mit Jonas.

Die Kinder stecken die Fackeln in Vertiefungen im Boden, am Steinhaufen liegen jede Menge Hacken und Schippen, der Alte von vorhin, der mit dem komischen Zylinder, ist wie aus dem Nichts aufgetaucht und spuckt böse Anweisungen, die Kinder schnappen sich Werkzeug, sie hauen die Hacken in den Schutt, sie schippen ihn ächzend weg, dazu rauschen die Abendkleider der Damen.

Ich drehe mich um und sehe vier niedliche kleine Mädels anmarschieren, auch sie ärmlich und als wäre es vorvorgestern gekleidet, schrecklich dünn und schmutzig, traurige große Augen. Die Mädels tragen Tabletts mit Champagner, der gerne genommen wird. „Ui, bist du ne Süße!“ – „Na, was isst du denn so? Graubrot?“ – „Zeig mal dein Hungerbäuchlein.“ – „Mensch, wie damals in Äthiopien, weißt du noch, Richard?“

Was geht hier vor, kann mir das mal einer erklären? Jetzt tätschelt die eine Schabracke sogar dem kleinen Mädchen da das Bäuchlein, „mach mal ein Foto, Leo, damit Clarisse-Aimee sieht was passiert, wenn sie ohne Frühstück zur Schule geht.“ Und Leo nimmt sein Handy und fotografiert, wie überhaupt viel fotografiert wird, die Mädchen, die Kinder am Geröllhaufen, wo es furchtbar staubt, und also nehm ich auch mein Handy aus der Dirndltasche und fotografiere, fällt nicht auf.

„Wetten, dass wir heute gewinnen?“ fragt einer neben mir. „Haha“, lacht ein anderer, „da halt ich dagegen. Tausender?“ „Topp!“ sagt der andere und fügt hinzu: „Aber schreib mir irgend ne Quittung für Fachberatung oder was, damit wir das auf jeden Fall von der Steuer absetzen können.“ „Geht klar!“ Hm, bei mir geht gerade gar nichts klar.

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