05.02.2011 -76-

Meine Eltern haben mich mal in die „Lustige Witwe“ mitgeschleppt und das hier ist jetzt die Fortsetzung. Männer in Frack und Zylinder, warme Schals um die faltigen Hälse, ihre Damschaft nischt wie Seide und Tüll, bei einer siehts nach Reifrock aus, dürfte aber nur fetter Arsch sein. Bloß die Gummistiefel passen nicht ganz dazu. Die werden aber gleich gegen Lackschühchen und Wildlederstiefelchen ausgetauscht.

„Willkommen zu unserem Original Charles Dickens Weihnachten“, sagt Monika feierlich und ich überleg glatt, ob man das aneinander schreibt (und ob man einander schreibt aneinanderschreibt) oder mit Bindestrich oder wie. Von irgendwo her ertönt plötzlich leise Musik, hört sich komischerweise wie Bob Marley an, ist aber nur „Stille Nacht“. „Auf den Geist der vergangenen Weihnachten!“ jubelt einer mit Backenbart und die anderen alle „Jawoll!“ und „Aber mindestens!“ Die Zwillinge schwärmen mit den Tabletts aus, auf denen die Champagnerkelche die Bläschen kaum noch halten können, Herr Rührlein stößt mich diskret an und wir schwirren ebenfalls mit, nicht auf unseren Froschschenkeln aus.

Achtzehn Gäste sind es, ich hab schnell durchgezählt. Finsteres Mittelalter, wie Moritz immer sagt, an den ich gerade denken muss. Alle natürlich „bessergestellt“, so was sieht man ja. Und schnäbeln, als wäre es die Muschel-Gedächtnis-Weihnachtsfeier, also der Vogel Muschel jetzt, Sie wissen schon. Wieso eigentlich Charles Dickens? Das ist doch der mit den Affen, oder? Der von Galapagos. Na, egal, rein ins Getümmel, die Sätze fliegen einem nur so um die Ohren, „Mathilde serviert immer Knobibrötchen vor dem Lönch, das ist de-gu-tooo“ – „Ganz heavently, meine Gnädigste…“ – „wenn der Dax nicht bis Monatsende über 7000 kommt, muss ich 200 Leute entlassen. Sonst 500.“ Immer lächeln, Hermine, wir leben hier im Land des Löchelns, wieder so ne scheiß Operette.

Die Blicke ins Dekollete ertrag ich auch, kennt man als Frau eh nicht anders. Wenn jeder ein 100-Euro-Schein wäre, könnte ich mich zur Ruhe setzen, wäre jeder eine Hand, könnt ich ne ganze Handballweltmeisterschaft veranstalten. „Deliziös, die Froschschenkel!“ – „Wie in Nizza!“ – „Ach, Sie haben eine Residence in Nizza?“ „Nein, auf Ibiza.“ – „Ja, da kenne ich eine nette Hippiekommune, die bastelt so süsse Sachen.“ – „Ich kenne in Nizza einen genialen Biobäcker.“ – „Ach, das ist interessant!“

Ja, hochinteressant. So geht das 15 Minuten lang und immer wieder dieses „Auf den Geist der vergangenen Weihnacht!“ Bis einer das variiert, „Auf den Geist der gegenwärtigen Weihnacht!“ und seine „Ahs!“ und „Ohs!“ erntet. Da unterhalt ich mich doch lieber mit einem Säufer über Flaschenbier.

Die Tabletts sind schnell leergeräumt, wir ziehen uns an die Tische zurück, um Nachschub zu holen, aber Helga und Monika winken ab. „Reicht. Sonst kommen wir mit unserer Timeline durcheinander und das Zeitfenster geht zu.“ Genau. Jemand – der Typ mit dem Backenbart – klopft mit einem Kugelschreiber gegen seinen Champagnerkelch und allmählich verebbt das Gemurmel und Gelächter. „Konsul Pagenstrecker möchte uns etwas verkünden“, verrät Monika, und Konsul Pagenstrecker räuspert sich. „Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Geschäftspartner und lieber Herr Direktor Würg“ (ein hutzeliges Männlein in der ersten Reihe verbeugt sich geblendet) „Weihnachten ist etwas Besonderes und Literatur ist etwas Besonders und Charles Dickens ist etwas ganz Besonderes.“ Die ersten beginnen zu klatschen, Herr Konsul macht eine abwehrende Handbewegung. „Wir leben in einer Welt des Wohlstands, selbst unsere Armen können nicht klagen.“ Gelächter und ein vereinzeltes „Aber die Hartzer klagen als ginge die Welt unter!“ Pagenstrecker lacht und fährt dann fort: „Bei Dickens war die Armut noch Armut, aber was ist Armut? Und was ist Weihnachten und was Armut an Weihnachten und was Wohlstand?“ Hm, jetzt gucken einige richtig nachdenklich. Rührlein stößt mich schon wieder an. „Trefflich formuliert“, flüstert er, „gleich geht’s hier los.“ Er scheint sich drauf zu freuen.

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