04.02.2011 -75-

Mensch, genau, die alte Großmuschelbacher Silbermine! „War aber nie sehr ergiebig“, erläutert Herr Rührlein beim Aussteigen, „und wurde bereits 1821 wegen erwiesener Erschöpfung geschlossen. 1976 mit EU-Mitteln zum Minenmuseum ausgebaut, bis sich herausstellte, dass sich die Fördergelder in den Taschen der Geschäftsleitung versilberten. Geben Sie mir bitte Ihre Hand, gnädige Frau, sonst tappen Sie in Kuhscheiße.“

Links von uns ein schwarzes Loch so groß wie ein Scheunentor. Ist auch irgendwie eins und die Torflügel weit geöffnet. Der zweite Lieferwagen steht halb im Fels, nur eine Funzel brennt über dem Eingang, man hört es heftig rumoren, Geschirr klappert und Wärmecontainer groß wie Überseekoffer werden von der Ladefläche gewuchtet. „Bisschen Obacht geben“, befiehlt Monikas Stimme. Was sind das für Leute? Einheimische? Und was haben die an? Lumpen, würde ich sagen, altmodische Klamotten mit Löchern drin. Die meisten sind noch ziemlich jung, kaum älter als mein Jonas, einige sogar noch jünger, Jungs und Mädchen. Ein Alter mit kaputtem Zylinder und ner witzigen Jacke, aber hier ist kein Fasching, das wüsste ich.

„Da geht’s lang“, sagt Rührlein. Wir gehen zehn Meter in die Höhle, rechts stehen etwa zwei Dutzend Gummistiefel in Reih und Glied, alle akribisch geputzt. Helga und Monika stehen daneben, unterhalten sich. „Da, Hermi, guck mal ob die passen.“ Ich streife meine Pumps von den Füßen, ja, ok, bisschen eng, aber wird schon gehen. Herr Rührlein hat seine eigenen Stiefel dabei, „noch aus meiner Zeit bei der Volksarmee“.

Man braucht sie wirklich. Wir tappen durch Pfützen und Matsch, an den Wänden flackern Fackeln, könnte romantisch sein, ist es nicht. Irgend wann wird der Untergrund fester, Pflastersteine, schätze ich, und vor uns tut sich ein Viereck auf, aus dem es so leuchtet, als würden 1000 Energiesparlampen eine Orgie feiern. Was für ein Raum! Groß wie damals unsere Schulturnhalle, links Tische für die Fressalien, rechts Tische für die Gäste, schön dekoriert, sogar das Porzellan mit Weihnachtsmotiven und in jeder Ecke ein üppig geschmückter Christbaum, von der Decke hängen drei Kronleuchter wie bei Königs. „Wir müssen links“, sagt Rührlein und fasst mich am Arm, „da sind die Serviceräume fürs Personal.“

Von wegen. Ein Loch mit nem Tisch und zwei Stühlen, „zieht euch ruhig mal um“, ruft uns Monika oder Helga nach, „die Gäste kommen gleich.“ Da hat sich Rührlein schon bis auf Unterhemd und Unterhose entkleidet und zwängt sich in den schwalbenschwänzigen schwarzen Frack. „So, noch die Fliege und die Lackschuhe, dann kann die Arbeit beginnen.“ Das klingt fast fröhlich.

Ich warte bis er fertig ist und den Raum verlassen hat. Dirndl soll das sein? Missglückte Dessous triffts eher. Der Rock streckt sich vergebens nach den Knien, die Möpse haben beinahe Freilauf. Aber was soll’s, es ist ja Weihnachten.

Im Festsaal herrscht jetzt Hochbetrieb. Die Wärmecontainer werden aufgestellt, Helga und Monika schwirren hektisch umher und rufen nach den Sektgläsern. „Prima schauen Sie aus“, lobt Rührlein und wippt auf den Fußspitzen, eine blütenweiße Serviette über dem linken Unterarm, den formvollendet angewinkelt. Der Alte mit dem komischen Zylinder bellt den Jugendlichen Befehle zu. „Macht, macht! Der Sekt! Die Amuse Geules! Und dann flugs rüber in den Arbeitsstollen, faules Pack!“ Fehlt nur noch die Peitsche.

Dann hören wir plötzlich Murmeln und Gekicher vom Eingang her. „Sofort alles raus, was hier nicht reingehört!“ weist Helga an. Und zack weg sind sie. Nur noch die Zwillinge, Herr Rührlein und ich bleiben zurück, mal schon das Servicelächeln in die Fresse schnitzen. Die Zwillinge füllen die Sektkelche, Rührlein und ich rücken die sogenannten Amuse Geules auf den Silberplatten zurecht. Sind das Froschschenkel? Ich rechne hier jedenfalls mit allem. Sollen mal die Gäste kommen.

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