29.01.2011 -69-

Es war schon komisch, wie wir so im Schneegestöber standen oder uns gemächlich ein paar Schritte vorwärts bewegten, langsam überzuckerten, der Doktor und ich, er erzählte mit Bedacht, ich hörte zu mit Andacht, nichts störte uns, nicht einmal der legendäre Vogel Muschel wagte es zu zwitschern, na ja, vielleicht weilte er auch gerade in südlicheren Gefilden, das würde man nachschlagen müssen.

„Arbeit?“ Von Habichts Gesicht gab sich einen Hauch von Resignation, „Arbeit gibt es hier wenig. Der Ort ist zu abgelegen, zu wenig attraktiv, sein Ruf ist nicht der beste und das hat gute Gründe. Ich praktiziere hier schon lange und glauben Sie mir, ich kenne die Konsequenzen der Inzucht nicht nur theoretisch. Auf der Hähnchenmastfarm arbeiten ganze fünf Nasen, wenn ich das sagen darf, keiner aus Großmuschelbach, alles Leute aus Polen oder woher auch immer, die Infrastruktur ist miserabel, die Straße führt nur bis zur Farm in befriedigendem Zustand, für die LKWs mit der Scheiße, die dann an die armen Tiere verfüttert wird. Ist traurig, aber wahr.“

Wir waren am Haus angekommen, einem soliden, einstöckigen, unverputzten Steinbau, „mein Refugium“, nannte es der Doktor und schob mich hinein. „Setzen Sie sich ins Wohnzimmer, ich bereite eine kleine Stärkung zu.“

Die Einrichtung war gewöhnlich, sauber und erkennbar 21. Jahrhundert. Ich fühlte mich zurück in der Gegenwart, betrachtete, nicht sonderlich interessiert, die gerahmten Fotografien an der Wand, Großmuschelbach in Schwarzweiß, aber wer hätte sich auch den Ort in Farbe vorstellen mögen. Von Habicht kam mit Flaschenbier und Wurstbroten, letztere mit Gurkenhälften dekoriert, befahl „Greifen Sie zu, Sie werden es brauchen können“ und tat es selbst mit Appetit.

„Die Webers waren Ihre Patienten?“ fragte ich kauend. „Natürlich!“ lachte der Mediziner, „ich bin der einzige Arzt hier, wer nicht vor der Zeit verrecken will, muss vor mir die Hosen runterlassen.“ „Und womit haben sich die beiden ihren Lebensunterhalt verdient?“ Mein Gastgeber seufzte.

„Sie fragen einfach zu viel, mein Lieber, und haben mir noch immer nicht gesagt, warum eigentlich. Polizist sind Sie keiner, also was sind Sie?“

Ich sagte es ihm und er schien ehrlich bestürzt. „Verschwunden? Georg? Nun, er war Buchhalter bei den Hähnchenmästern, ist aber schon vor Jahren in die weite Welt hinaus, wie die Einheimischen alles jenseits des Tales nennen. Sonja hat Buchhändlerin gelernt, also auch was mit Büchern.“ Er meckerte lustig. „Es gab hier mal tatsächlich eine Buchhandlung, so eine kauzige Alte, wissen Sie, das war die Chefin. Und Sonja unbestritten das schlaueste Kind, die einzige, die jemals eine weiterführende Schule in der Stadt besucht hat. Aber als ihre Lehrzeit zu Ende war, starb die Alte und der Laden musste schließen.“

„Und dann?“ fragte ich, „wo hat sie dann gearbeitet?“ Von Habicht nahm den leeren Teller vom Tisch und trug ihn in die Küche zurück. Fünf Minuten vergingen, eine Klospülung spuckte infernalisch, mein Bier war alle, meine Füße erfreuten sich an der Wärme, ich wurde müde.

„Sind Sie müde?“ Ich hatte ihn nicht kommen hören, er stand neben mir, seine Hand auf meiner Schulter, eine schwere Hand. „Wo…“ Ich kam nicht weiter. Warum war ich plötzlich so müde? Meine Augenlider —

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s