28.01.2011 -68-

Es war der Tag vor Heiligabend und die biblische Geschichte von vor 2010 Jahren wiederholte sich. Na ja, so ungefähr. Ich irrte durch die Straßen von Großmuschelbach, klopfte an die Türen und bat um Obdach, ich ging mit einer Frage schwanger, deren Beantwortung mich erlösen sollte, es schneite und nebelte und der Schweifstern duckte sich hinter dem Horizont, nicht einmal ein Stall tat sich auf, kein Königstrio schleppte Geschenke oder wenigstens eine warme Mahlzeit zu mir her.

Selbst die einzige örtliche Kneipe, „Zur schönen Aussicht“, zeigte mir ihre kalte Schulter und hatte ihre Pforten verschlossen. Dies mochte an der platten Lüge, welche schon in ihrem Namen steckte, liegen, außer einer ziemlich vergammelten Fachwerkfassade gegenüber gab es hier nichts, was sich für eine Aussicht geeignet hätte und schön ist etwas anderes. Gleich rechts von der Kneipe führte ein Feldweg nach oben, ziemlich steil, aber ich folgte ihm. Denn obwohl es schneite, sah man ganz deutlich, dass hier vor nicht allzu langer Zeit ein Auto entlang gefahren war. Es gab also doch motorisierte Fahrzeuge in Großmuschelbach, wenigstens eines.

Der Aufstieg war beschwerlich, in meinem Magen hockte ein Hund und schien nicht bester Laune. Der Weg legte sich in eine Kurve, noch eine, wurde schmaler und endete vorerst an einem Holztor, das natürlich verschlossen war. Aber man konnte drüberklettern. Weitergehen, noch eine Kurve, ich hing bedrohlich am Berg, der, wenn ich aufsah, auf mich zu stürzen drohte.

„Was suchen Sie hier? Privatgrund.“ Die Stimme kam von hinten links aus einem Gebüsch, sie klang wie die einer Person, die gerne befahl und von der man gerne Befehle entgegennahm. Ich blieb stehen und sagte, stur nach vorne blickend: „Sie können mich mal. Ihr Scheißkaff sollte man abfackeln mit allem Drum und Dran, die Welt würde es danken.“

„Das glaub ich sofort“, antwortete die Stimme und kam näher, umrundete mich und hatte einen Körper, den eines weißhaarigen, dünnen Mannes kurz vor der Rente, angezogen wie Du und Ich, schwarzer Anorak mit Kapuze und Jeans.

„Sie sind fremd hier? Was wollen Sie? Wie kommen Sie hierher?“

„Um nur einmal das zu tun, was Sie gerade dreimal getan haben, nämlich eine Frage zu stellen und eine Antwort zu bekommen.“

Der Mann musterte mich neugierig. „Die Menschen hier beantworten keine Fragen. Nennen Sie mir wenigstens Ihren Namen. Ich bin Dr. August von Habicht und der Arzt hier.“
Ich sagte dem Doktor, wenn hier ein Arzt vonnöten sei, dann ein Irrenarzt. Er lächelte und nahm es mir nicht übel. Wir gingen langsam weiter. Von Habicht griff freundschaftlich nach meinem Oberarm – oder auch feindselig, der Unterschied ist eh nur graduell – und schwieg erst einmal, als ich meinen Namen genannt und mein Anliegen vorgebracht hatte. Erst als wir in Sichtweite eines kleinen Hauses kamen, das aus dem Fels zu wachsen schien, sprach er wieder.

„Die Webers waren hier immer Außenseiter, wissen Sie. Nach dem Krieg sind die gekommen, aus Ostpreußen oder Pommern, keine Ahnung, zwei Söhne hatten die, sind hier nicht warm geworden. Geblieben ist nur der älteste, Ferdinand, und seine Frau musste er sich aus dem Nachbardorf holen. Großmuschelbach pflanzt sich seit Generationen weitgehend per Inzucht fort. Erwarten Sie also nicht, hier an jeder Ecke auf Nobelpreisträger, Fernsehmoderatoren oder Krimiautoren zu stoßen.“

Das war tatsächlich das, was ich am wenigsten erwartet hatte. Vielleicht züchtete man in Großmuschelbach Politiker oder Literaturkritiker, konnte doch sein.

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