26.01.2011 -66-

Das erste was ich sah, war eine Art Nierentisch, wie man ihn aus Fernsehsendungen über die 50er Jahre kennt. Er stand mitten im niedrigen, vom matten Licht in beständiges Halbdunkel getauchten Verkaufsraum, dessen Wände von massiven verglasten Holzregalen verstellt wurden, tonnenschwere Relikte der Adenauerära auch sie und selbst das wenige Licht offenbarte, dass noch nie ein Mensch die Fingerabdrücke vom Glas gewischt hatte.

Auf drei grazilen Sesseln saßen ebenso viele Kinder im fortgeschrittenen Grundschulalter um den Tisch. Als sie mich erblickten, sprangen sie erschrocken auf, rannten um die Ladentheke – sie war aus dem gleichen Material wie die Regale, solide Fichte wohl – und verschwanden, „ein Fremder!, ein Fremder!“ rufend, im angrenzenden Raum. Von dort waren beruhigende Worte zu hören, welche tatsächlich fruchteten, denn es wurde still. Ein älterer Mann – nein, es war nicht Hans Albers, obwohl er ihm frappierend glich – trat ins Ladenlokal, fixierte mich und sagte: „In der Tat, ein Fremder. Potzblitz!“

Erst jetzt, da mich die Erscheinung des Alten hoch erstaunte, entsann ich mich der davonstiebenden Kinder wieder, ihrer ungewohnten Kleidung aus groben Stoffen, fadenscheinige Jacken und zu kurze Hosen, Hemden aus Leinen, die nicht aussahen als seien sie einer vorübergehenden Mode anzulasten. Das Schuhwerk war plump und, wie der Wetterbericht sagt, der Jahreszeit unangemessen. Es war eine Kostümierung aus der Verfilmung eines Charles-Dickens-Romans und der Alte gab darin den herzlosen Geschäftsmann oder den skurrilen Onkel oder irgend einen der Pickwickier. Er trug das, was die Geschichte der Mode einen Bratenrock nennt; darunter eine dunkel gestreifte Hose sowie eine hellere, ob des beträchtlichen Bauchumfangs nur vom mittleren Knopf mühsam zusammengehaltene Weste, auf der die silberne Kette einer Taschenuhr durchhing, als sei sie die bequeme Hängematte für die Lasten vergangener Zeiten. Auch diese Kleidung war nicht aus den besten Stoffen gefertigt, spannte hier und schlabberte dort, wirkte indes weniger ärmlich als die der Kinder.

„Der Herr wünschen?“ fragte nun der Alte freundlich und beugte sein Haupt – man mochte diese Komposition aus dreifaltigem Fett, rotgeäderter Nase, üppigem Mund, abstehenden Ohren und beethovenesk in alle Himmelsrichtungen borstendem Haar wahrlich nicht Kopf nennen – und zog seine Taschenuhr hervor. Der Deckel sprang auf, „oh“, sagte der Alte, die Zeit ablesend, „sind der Herr etwa gar mit dem Eisenbahn angereist? Seit die Lokomotiven nicht mehr pfeifen, hört man es kaum noch.“

Ich nickte nur verblüfft. All das war bizarr, ja, das dünkte mich der rechte Ausdruck, aber wieso „dünkte“? Ich starrte auf des Alten Hose und spielte mit dem Gedanken, sie künftig ein „Beinkleid“ zu nennen, „Pantalon“ klänge auch nicht übel. Zu seiner Nase „Gesichtserker“ zu sagen, verkniff ich mir aber, wir waren hier durchaus nicht im Tausendjährigen Reich, sondern ein gutes Jahrhundert früher. Die Taschenuhr war wieder in der Westentasche verschwunden und ich erwartete den Auftritt von Meister Henlein persönlich, der sich um die Genauigkeit der Zeitanzeige kümmern würde.

„Der Herr also wünschen?“ wiederholte der Mann, „äh“ antwortete ich, mich langsam fassend, „nur eine Frage. Ich bin tatsächlich soeben mit dem Feuerwagen angelangt und fremd hier. Ein Freund meiner Jugend wohnt in diesem schönen Ort, ihn möchte ich besuchen, weiß aber nicht, wo er wohnt. Ob Sie mir vielleicht helfen könnten? Er heißt Georg Weber.“

Weiter kam ich nicht.

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