25.01.2011 -65-

Großmuschelbach erreicht man mit einer hochstaplerisch „RegioExpress“ getauften Bimmelbahn nach gut fünfzig Minuten und Umsteigen in Griesgrauweiler, Andersdorf sowie Kleinbörsig. Wie jeder weiß, schmiegt sich der Ort an die Hänge eines zunächst lieblichen, von leuchtend gelben Rapsfeldern für die Biokraftstoffproduktion beherrschten Tales, das sich später arg verengt und die Heimat der „Muschel“ ist, einer sehr seltenen Vogelart. Sie kann als pirolähnlich charakterisiert werden, zwitschert jedoch wie ein Kiebitz und sieht aus wie eine Elster, die sich für einen Diskoabend aufgebrezelt hat.

Warum die Muschel Muschel heißt, erschließt sich, wenn die Einheimischen zu reden anheben. Sie nuscheln nämlich. Der Vogel hörte ursprünglich auf den Namen „Morsel“, das heißt, er hörte selbstverständlich nicht, denn noch keinem Menschen ist es gelungen, die Muschel wie einen Kanarienvogel oder Papagei zu dressieren. An den Namen Morsel erinnern sich indes nur noch die Biologiehistoriker und selbst die nicht einmal.

Mit Industrie ist Großmuschelbach nicht reich gesegnet. Vor dem Ort, dort wo das Tal noch wie eine ausgestreckte Schöne auf dem Bett zwischen den Hügeln liegt, produziert eine Hähnchenmastfarm wertvolle und preiswerte Lebensmittel. Der idyllische Reibach (wenn er Hochwasser mich sich führt, wird er zur Plage) schlängelt sich an der Fabrik vorbei und leistet als natürlicher Gülletransporteur gute Dienste. Auf verschlungenen Wegen ergießt er sich in die Nordsee und erzählt dort dem neugierigen Seelachs, dem ebenso vorwitzigen Hering von ihren Brüdern im Geiste in Großmuschelbach, Lieferanten von Grundnahrungsmitteln unter sich, gewissermaßen.

Hat sich das Tal erst einmal verengt, das heißt die ausgestreckte Schöne sich zusammengerollt (was sie häufig tun, wenn sie Migräne haben oder einfach „keine Lust“, man kennt das ja zur Genüge), erwartet anmutige Landschaft gepaart mit häuslichem Fachwerk den Besucher, also mich, der ich dem Zug entstieg, von einer reichlich ramponierten Begrüßungswand „Willkommen in Großmuschelbach – Home of the free bird“ in Empfang genommen wurde und nach erster flüchtiger Orientierung meinen Schritt zum einzigen sichtbaren Laden lenkte: „Krause – excellente Photographien und Daguerre’ischer Bedarf“.

Weit und breit keine Menschenseele, was an der Mittagszeit liegen mochte, von der die Gerüche kündeten, die durch Fenster- und Türritzen zogen und sich unsichtbar auf das Schneeweiß und Matschgrau legten, unter denen wiederum Dächer und Hügel verborgen waren. Es roch? Nein, korrigiere, es stank. Nach Kohl und Kartoffeln, altem Bratfett und jungen Frikadellen, nach Geflügel, das wie im Mittelalter die Hexen inbrünstig verbrannt wurde, auch nach Spülwasser, Maggi und anderen Ingredienzien diabolischer Küche.

Überhaupt glänzte der Ort in einer seltenen Schäbigkeit, die meine Erwartungen übertraf und verständlich machte, warum es die Webers hier nicht ausgehalten und die Hässlichkeit der Großstadt vorgezogen hatten. Waren vorhin überhaupt andere Reisende mit mir ausgestiegen, waren welche eingestiegen? Ich erinnerte mich nicht genau, aber genauso war es wohl gewesen. Als letzten hatte mich der RegioExpress ausgespuckt, bevor der Fahrer seinen Platz vom vorderen in den hinteren Wagen wechselte, denn Großmuschelbach war Endstation und besaß einen Sackbahnhof, der schleunigst unter die Erde kommen musste, so tot war, so tot würde er bleiben.

Ich öffnete die Ladentür, über mir klingelte es alterthümlich mit „h“, und ich betrat eine längst überwunden geglaubte Welt.

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