22.01.2011 -62-

Sie lungerten am Küchentisch und becherten aus Red-Bull-Dosen, die nicht aus meinem Haushalt stammen konnten. Ich hatte die Wohnung mit dem Zorn eines Mannes betreten, der endlich auf Entscheidungen sann, kein Taktieren mehr zuließ, des Versteckspielens mühe war und für faule Kompromisse nicht mehr zu haben. Oder anders: In diesem Moment war ich für die bundesdeutsche Politik völlig ungeeignet.

Das Mädchen sah als erstes zu mir hin. Sie mochte 13 sein und beim Mundaufmachen eine blitzende Zahnspange outen. Aber sie presste die Lippen aufeinander, guckte ihr Gegenüber an und schob ihm die kommunikative Oberherrschaft zu. Der Junge trug einen beigen Trenchcoat, einen dunkelbraunen Schlapphut und eine irgendwie deplazierte Sonnenbrille, hinter der mich jetzt zwei aller Wahrscheinlichkeit nach kalte Augen maßen. „Mann, wo kommst denn du jetzt erst her?“ Ich atmete einmal kräftig durch und antwortete: „Von der Arbeit, Jonas.“
Jonas grinste und dachte an die Art von Arbeit, die ich an seiner Mutter verrichtete. Er nahm die Sonnenbrille ab und wies damit auf das Mädchen. „Das ist Laura. Sie ist erst 13, aber schon verdammt cool. Können wir gebrauchen, Partner.“

„Partner? Sag mir lieber, wie du hier reingekommen bist.“ Das Mädchen kicherte mit geschlossenem Mund, also doch Zahnspange. Jonas hob etwas von der Tischplatte, ich kam näher und erkannte, dass es eine Büroklammer war. „Damit“, sagte er, „mal scharf angucken hätte bei deinem Schloss aber wohl auch schon gereicht. Willstn Bull?“

Es war ein Uhr durch und nichts erklärt meinen disparaten Zustand besser als die Tatsache dass ich nickte, Jonas eine dritte Dose aus seinem Rucksack zog, ich mich neben ihn setzte und einen großen Schluck nahm.

„Das ist praktisch mein Stiefvater“, erklärte Jonas Laura und es lief mir kalt über den Rücken. „Der Detektiv. Wir arbeiten zusammen, glaubst das jetzt?“ „Cool“, sagte Laura und glaubte. Hundert Prozent Zahnspange. „Was Neues?“ fragte Jonas mit der Routine eines Mannes, der seit Jahren in der Unterwelt Angst und Schrecken verbreitet. Ich erzählte es, warum auch immer. Jonas kommentierte mit zahlreichen „hms“ und „ohs“, Laura pendelte ihren mageren Jungmädchenleib immer aufgeregter hin und her. „Das war knapp“, sagte Jonas, als mein Bericht zu Ende war, „hast du wenigstens ne Knarre dabei gehabt?“ Ich musste es verneinen und Jonas lieferte ein lakonisches „Tja“.

Mit großer Geste zog er ein mehrfach gefaltetes Blatt Papier aus der Innentasche seines Trenchcoats, „meine Recherchen“, wie er es nannte. Sein – Zitat – „V-Mann“, jener adlige Nachfahre vorwiegend zweiarmiger Banditen, der jetzt von einarmigen ausgeplündert wurde, kenne den verblichenen Lothar flüchtig.

„Delikatess-Express, so heißt dem sein Laden die liefern so Fressen für Charity-Feten oder wenn so ne reiche Braut sich mit Trauschein nageln lässt. Soll scheiße schmecken, aber der Bursche war gut im Geschäft. Soll ich dran bleiben, Partner? Ich könnt Laura als Lockvogel einsetzen, die hat das voll drauf.“

Laura sagte „au ja“ und himmelte Jonas an, der seine Sonnenbrille wieder aufsetzte und sofort über die Inflation zu klagen begann. „Jetzt pumpen uns auch schon die Portugiesen an, wart ma, wenn Spanien kommt. Flucht in die Sachwerte, sag ich immer.“

Aus meinem Portemonnaie flüchteten drei Zehner in seine hingestreckte Hohlhand, das Red Bull, dem ich mittlerweile einen leichten Herzinfarkt verdankte, stellte Jonas generöserweise nicht in Rechnung.

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